Ich glaube, das Klügste, was ich je über die Liebe gesagt habe, habe ich gleich in mein erstes Buch geschrieben: Wenn ich bei dir bin, bin ich näher bei mir.

Neuigkeiten


die Welt

13.11.2018, 15:09 Uhr

Die Welt scheint mir von allen Seiten zuzurufen, jetzt setz dich endlich hin und schreib ein neues Buch. So ist die Welt. Sie will immer was Neues, und ich soll es ihr liefern. Dann entscheiden Bewertungen im Internet darüber, ob es wirklich gut war oder nicht. Wer läßt eigentlich noch die eigene innere Instanz entscheiden? Wer stöbert in meinen bereits vorhandenen zwanzig lieferbaren Werken und sucht sich erst einmal von dort etwas heraus? Wer geht das unfassbare Risiko ein, sich so ein Büchlein zu kaufen und nicht vorsichtshalber auszuborgen von jemandem, dem ich bereits eines geschenkt, ja: GESCHENKT! habe ... Ein Schriftsteller möchte von seinen Büchern leben können - ich auch, na klar doch und was denn auch sonst!!! -, und die Allerwenigsten schaffen es dort hin, höre ich sagen. Jedenfalls auf mich trifft das zu; im Grunde ist mein größtes Kunstwerk bereits heute mein Leben selbst. Mit Geschick, Sorgfalt und im Zaum gehaltener Verschwendungssucht balanciere ich über dieses Seil, das zwischen zwei Unmöglichkeiten gespannt wurde, vor langer Zeit. Und ich kann sagen, in jedes einzelne meiner bereits vorhandenen Werke habe ich nichts als mein Herzblut hinein fließen lassen; nahm die Unterstützung freigiebiger Mäzene an, um wieder Monate, Jahre am Schreibtisch zu versinken und dort mein Bestes, wirklich Allerallerallerbestes zu geben. Und dann bewertet mich einer oder keiner - und das Buch fällt von vornherein durch; und die mich kennen, meine Qualität loben, haben selbst genug um die Ohren, um sich nun auch noch um mich und meine gebührende Beleuchtung zu kümmern. Ach! 

Wozu tust du dir das denn dann an, höre ich die Welt mich fragen; und die Frage ist berechtigt. Weil ich es kann, antworte ich mit leichtem Zögern. Weil ich gar nicht anders kann. Und weil ich an die Veränderung glaube, die das Leben nun mal ist. Nichts ist für die Ewigkeit in Stein gemeißelt, Wunder geschehen jeden Tag - und alles ist möglich. Daran glaube ich. Weil ich es selbst erfahren habe, auf mannigfaltigen Gebieten dieses Lebens hier auf Erden. Und wieso sitze ich dann noch nicht wieder am Computer und erzähle dies alles in einem nächsten Buch? Na, ich weiß nicht. Warte auf die Inspiration. Will es nicht erzwingen. Mit dem Herzen schreiben, nicht (nur) mit meinem Kopf. Bis der Funke wieder überspringt, schreibe ich all das hier hin - und in mein Tagebuch Nummer 49, das ich letzte Woche angefangen habe. Das Leben ist keine Rennebahn. Und ein Künstler ist kein Dienstleister und schon gar keine Maschine. Weißte Bescheid, Welt.

PS: Es ist einfach unfassbar, wie sehr man so ein Leben lieben kann, von dem man nicht weiß, woher es kommt und wohin es geht. Und wer ist "man"? In diesem Falle: ich. Eure Katrin von unterwegs ... 

 

 

eine Damenrunde

01.11.2018, 09:42 Uhr

In einem Café in Thüringen, wo es am verwunschensten ist, fand ich eine Damenrunde der köstlichsten Art. Sechs Ladies kloppten miteinander am runden Stammtisch irgend ein Kartenspiel, das ich nicht kenne und verströmten eine Aura, in der ich mich sofort herzlich wohl fühlte. Der Kater Paul saß dabei, schaute durch ein großes Fenster nach draußen auf einen gähnend leeren Platz am Feiertag. "Du redest, als seist du schon hundert", maulte eine die andere an. "Na ja, meine Knochen sagen das manchmal", kam die Antwort sofort. Ich weiß nicht, wie viele Lebensjahre dort beisammen hockten, und es war auch egal. Es spielte schlicht keine Rolle; darüber waren sie unbekümmert hinaus. Sie waren, wie sie waren und brauchten keine Tünche. Sie hatten keine Angst vor Konflikten; das wurde mir klar, als ein Streit ausbrach. Man konnte sich nicht einigen, wer zuletzt "gegeben" hatte, wer also nun damit dran sein sollte. "Ich stehe gleich auf, ziehe mich an und gehe", drohte die eine. "Du bist schon wie die Politiker!", wurde sie ausgeschimpft. "Wenn es schwierig wird, zurück treten. Bloß nichts aushalten, zur Abwechslung." "Bin doch keine Politikerin!", verteidigte sich die so Geziehene, und ihr entfuhr das böse "A"-Wort. "Da sitzt ein kleines Kind am Nebentisch", folgte die Ermahnung sogleich. "Und du gebrauchst Kraftausdrücke." Da lehnten sie sich zurück, schauten zu mir und meiner aufmerksamen Enkelin herüber; wir schütteten uns alle aus vor Lachen und waren eine einzige Gruppe, ein Herz und eine Seele. Altersunterschiede gab es nicht, in diesem Augenblick. Kartenspiel, Kakao oder Kännchen Kaffee; hin oder her. Acht Mädchen sprühten miteinander Funken. Dem Kater Paul wurde das alles zuviel. Er trollte sich, fand sicher ein ruhigeres Plätzchen auf dem Hof.

Für mich war diese Damenrunde wie eine Antwort des Lebens auf meine ungestellte Frage. Hatte ich mich nicht selbst erst kurz zuvor (und davor - und vorher auch) aus meinem Anzug treiben lassen; war explodiert, wieder einmal, und nur der Thüringer Wald mit seinen Sträuchern und Bäumen könnte ein Lied davon singen; der Geliebte sowieso - und die Berliner Straßen ebenfalls ... ?! ... Ich lasse das enge Kostüm der Konventionen zurück. Ich platze aus allen Nähten. Und anstatt mich da wieder hinein maßschneidern zu lassen, erkunde ich nun lieber das weite Land dahinter. Diese Kartenspielerinnen weisen mir den Weg, und er gefällt mir. Kann sein, dass es auch der Enkelin eines Tages nützt. Oma sein ist eine Verantwortung und ein frohes Lied auf meinen Lippen. 

 

 

aus meinem Tagebuch

16.10.2018, 11:52 Uhr

Zu den größten Herausforderungen meines Alters gehört es, den Kopf leer zu machen, ohne dement zu werden. Das schrieb ich, nachdem es mir tatsächlich gelungen war, eine weitere alte Hirn-Blockade loszulassen und mich fröhlich darüber hinweg zu setzen, direkt auf seine Wolke. Irgendwann hatte er eine meiner langen Haarsträhnen zweimal um seinen großen Zeh gewickelt; und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ihm das wohl gelungen sein mag. Aber zurück zu meinem anfänglichen Gedanken. 

Wie wirft man die angesammelte Last ab? All das Gedenke, das schon längst nicht mehr stimmt. Was ich einst erlebte, und wie ich es damals interpretierte; was ich daraus zu lernen geglaubt habe, und wie es sich später relativierte ... Ach! Wie vergibt man sich selbst, nachdem man schon eine Weile über den Erdball gewandelt ist, und weiß Gott nicht immer nur gelustwandelt, nein, nein. Ist es möglich, das Heute nicht länger aus der Vergangenheit heraus zu interpretieren; in jedem einzelnen Jetzt-Moment ein frisches Wesen zu sein, das staunend um sich blickt wie die Lütten aus ihren Kinderwagen? Alles neu. Nichts wie früher. Eine immerwährende Überraschung.

Das wäre schön. Aber einfach finde ich das nicht. Mir scheint, ich stecke mitten in einer Art Übergangsphase. Sie ist dadurch geprägt, dass es in meinem Gewohnten plötzlich an allen Ecken und Enden knirscht, kneift, rubbelt. Manchmal erinnere ich mich an Alice im Wunderland, der Decken und Wände ihres Zimmers zu eng wurden. Hilfe, ich wachse! Kann das denn so sein? Ja, das kann. Und wie! Konflikte ziehen ein. Konflikte mit Menschen, denen ich doch eigentlich wohl gesonnen bin - und sie mir, wie ich meinte. Sätze tauchen auf; Gehörtes, Gelesenes. Von Problemen, die du nicht lösen kannst, musst du dich selbst lösen. "Als ich mich selbst zu lieben begann ...", da hörte ich auf, mich vor Reibereien zu fürchten, "denn auch Sterne knallen manchmal aufeinander, und es entstehen neue Welten." Ja. Ja, ja, ja. Das gefällt mir, wenn neue Welten entstehen. Und ich mittendrin. Frisch und neu.

Und noch etwas taucht auf. Ein Liedtext. "Das ist der einfache Frieden, den schätze nicht gering. Es ist um den einfachen Frieden seit Tausenden von Jahren ein beschwerlich Ding." Manches will eben doch bewahrt werden - und nicht gelöscht aus diesem Hirn-Computer da oben in meinem Kopf. Danke, Gisela, für das schöne und immer noch aktuelle Lied.