Man wird nur durch Üben gut,
niemals durch Vermeiden.
Das gilt für alle Dinge;
Yoga, Lieben, Schreiben,
Nüchternbleiben.

Neuigkeiten


Eine Wunde in der Stadt

18.03.2019, 12:00 Uhr

Ein Stumpf, der nirgendwohin führt. Das ist die Ku´Damm-Passage, die gerade von einem Knabberbagger Stück für Stück, Tag für Tag abgetragen wird. Ich war dort. Ich habe es gesehen. Ich stand mittendrin in diesem Stumpf, nach allen Seiten nun verschlossen, und wartete wie so oft auf meinen Liebsten, der am Feierabend aus einem der acht Fahrstühle steigt, die zum Hochhaus führen. Das Hochhaus ragte früher - von der Straße aus fast unsichtbar - über die Passage hinaus. Nun steht es wie ein letzter Zeuge ganz allein in einem Trümmerfeld. Leute, die darin noch arbeiten, sollen sich gewisse Sorgen machen, habe ich gehört. Ob die Bauarbeiter zuverlässig sind? Ob sie achtsam planen und ausführen, und nicht aus Versehen ein wichtiges Fundament zum Einsturz bringen? Nein. Unnütz, solche Gedanken. Alles unter Kontrolle, wird beschwichtigt. Aber es sieht gespenstisch aus dort, keine Frage. Was empfinden wohl Anwohner, die den Krieg noch miterlebt haben? Wann sah man zuletzt eine solch klaffende Wunde mitten in Berlins City/West? 

Oft bin ich durch diesen Tunnel mit seinen insgesamt vier Ausgängen flaniert. Ich tat das gern und kam meist extra etwas früher als der Gefährte zu erwarten war; ich wollte noch ein bißchen schauen, was die Auslagen im Zeitungskiosk, im Tabakladen, in der Drogerie oder in der Kunstgalerie so boten. Im Geschäft voller lauter zuckersüßer Kleinmädchenkleider auch. Wollte in die düsteren Kneipen hinein schmulen, in denen heimliche Trinker Zuflucht und den Trost einer mütterlichen Wirtin fanden. Wollte die Gruppen von Jugendlichen beobachten, die laut lärmend und alles andere im Kopf zu Bildungszwecken durch die "Story of Berlin" geführt wurden. Diese Ausstellung besaß sogar einen unterirdischen Bunker, gruselig genug. Wollte auf den Bänken verweilen, die vor dem Stadtmuseum aufgestellt waren, in einer Art Glaskasten mit verschließbaren Spinden. Wie unter einer Tarnkappe konnte ich da sitzen, während für die Schulklassen Rucksäcke verteilt wurden aus diesen schmalen Schränken; ich sah, wie sie Coladosen öffneten, rasch die Rolltreppe hoch fuhren zum Souvenirshop, noch ein Eis auf den Weg kaufen oder eine Gummibärchentüte. Einmal saß ein junges Mädchen schluchzend dort in einer Ecke. Liebeskummer? Ich werde es nun nie erfahren. Eine Klassenkameradin nahm sich ihrer an. Teenager haben gute Gründe zum Weinen. Ich erinnere mich klar. Wie an die beiden Ku´Damm-Theater! Es gab so viel Wirbel um sie wie um das Ende der DDR, das auch nicht jeder wollte, wenn ich mich recht erinnere. Zum Schluß mußten wir kapitulieren, Schauspieler wie Wendemenschen. Uns wurde ein Ersatz versprochen. Aber ich fürchte, der war nicht mehr ganz der selbe. Wird nicht mehr ganz der selbe sein, wenn die neuen Theater im Kellergeschoss aufmachen werden.

Einmal ist mir Leonard Lansink in der Passage begegnet, jener Mime, der im Fernsehkrimi den Privatdetektiv Georg Wilsberg gibt. Er zog sich seine Mütze tief ins Gesicht, senkte den Blick, als er an mir vorüber eilte. Er konnte ja nicht wissen, dass ich nicht aufdringlich bin. Mich hat er übrigens auch nach keinem Autogramm gefragt! Schon merkwürdig. Walter Plathe saß oft im Café vor der hohen Glastür. Auch er hat mich nicht erkannt, soweit ich weiß.

Und nun also ein Stumpf. Ich stehe mittendrin und versuche, das entstehende Gefühl zu orten. Alle vier Ausgänge nach allen vier Seiten sind verschlossen, mit Planen, Rolltoren, Brettern, Beton. Dahinter - die Trümmerwüste mit dem ragenden Hochhaus wie ein allerletzter Backenzahn im Mund einer uralten Omi. Selbst, wenn ich es wollte, ich könnte nicht wieder lustwandeln oder die Restpassage verlassen in eine der Himmelsrichtungen. Machtlosigkeit stellt sich ein. Vor allem, weil dieser letzte Torso eben noch so tut, als sei alles in Ordnung, alles wie früher! Zwar steht die lange Rolltreppe still, aber sie existiert noch; und an die Säulen in der Halle vor den Fahrstühlen kann ich mich immer noch anlehnen während des Wartens. Kann meine Papiertaschentücher in bereit stehende Abfalltonnen werfen. Leert die eigentlich noch wer? In den Plexiglasfächern vor dem Eingang zur Story of Berlin stecken noch alle Flyer; ich ziehe mir einen heraus, der mir erläutert, wie der Videoguide durch die Ausstellung zu handhaben ist. Notiere mit Kugelschreiber darauf meinen Gedanken: "Ein Stumpf, der nirgendwohin führt." Das Kassenhäuschen wirkt verlassen wie für eine Mittagspause. Gleich wird jemand kommen, die Luke öffnen und Tickets verkaufen. Genau so die Pförtnerloge vor den acht Liften. Ein ergonomisch geformter Drehsessel schwingt noch nach, als wäre gerade jemand kurz daraus aufgesprungen. Auf dem Tresen liegen verschiedene Tageszeitungen - greift noch jemand nach ihnen? Oder hat bloß jemand vergessen, sie abzubestellen ...

Jetzt weiß ich, was das für ein Gefühl ist, das mich da beschleicht: Es ist die Vergänglichkeit, die ich meistens nicht recht wahrhaben will, der ich an dieser Stelle jedoch nicht ausweichen kann. Selbst, wenn ich es wollte, ich könnte die frühere Passage, die Ku´Damm-Theater, auch meine Adlershofer Sauna oder mein Land nicht wiederherstellen. All diese vertrauten Plätze sind fort. Je länger ich lebe, desto öfter wird mir das widerfahren, dass etwas einfach fort ist. Die stetige Veränderung ist ja nicht aufzuhalten. Eines Tages werde sogar ich selber fort sein, nicht auszudenken! ... Was soll ich sagen! Wie diesen Text beenden? NOCH bin ich da und kann etwas tun - oder auch lassen. Aber ich bin hier; lustwandele immer noch umher und werde meistens nicht erkannt. Das ist doch gut so. Ihr sagt, ich soll endlich mal wieder ein Buch schreiben. Aber was für eines denn? Bis ich das weiß, lest ihr weiterhin auf dieser Seite von mir; und dann sage ich euch gleich Bescheid. Versprochen. Gruß an den Knabberbagger!

 

 

als neulich ...

01.03.2019, 10:32 Uhr

... in Berlin-Köpenick der Strom aus ging, weil bei Bauarbeiten an der Allende-Brücke aus Versehen ein zentrales Kabel gekappt worden war, da zeigten sich Menschen erfinderisch: Ich jedenfalls hatte nicht gewusst, dass man auch mit einer Keramikplatte und sechs Teelichtern darunter etwas kochen kann. Zum Beispiel das Wasser für meinen unverzichtbaren Morgenkaffee, aber hallo!!! A propos ... - Heute erreichte mich eine tolle diesbezügliche Idee; das NatürLicht. Klingt gut? Klingt gut. Ich nehme mir einmal die Freiheit, auf die Homepage zu verweisen, die diese - man kann schon sagen - Weltsensation näher erklärt: www.natuerlicht.eu

Das wäre doch wirklich ein Schritt! Kein Aluminium mehr, statt dessen umweltfreundliche, vollständig abbaubare Rohstoffe in diesen allseits so beliebten Kerzlein. Ich überlege mir, wo überall Teelichte Verwendung finden; im Tipi am Kanzleramt (worüber ich gestern schwärmend berichtete) auf jedem einzelnen Tischchen; und kein Mensch kann zählen, auf wie vielen Tischchen in Separeés, Restaurants, Cafés, Lounges noch. In meiner Wohnung sowieso; in welcher eigentlich auch nicht! Ich bin ergriffen davon, dass Jüngere zur Tat schreiten; dass sie sich wirklich Gedanken machen darüber, was wir unserer Mutter Erde antun - und ob es nicht auch andere Wege, Möglichkeiten gibt. Heute. Hier. Jetzt. Jetzt gleich. Die Rückkehr zur Baumwollwindel für Babypopos ist auch so eine Errungenschaft. Ich selbst gehöre noch zu jener Generation von Frauen, die mit schwangerem Bauch in einer langen Schlange anstanden, um ein streng rationiertes Paket von zehn solcher begehrten Tücher einkaufen zu können. Und Onkels, Tanten, Omas, Opas halfen (heimlich) mit. 

Ich sehe Fernsehbeiträge über die Papiertüte, die doch auch das Obst beim Einkauf fasst - und denke an die spitz zulaufenden braunen Behältnisse, in denen sich für zehn Pfennige frisches Sauerkraut erstehen ließ, das meine Freundin und ich nach der Schule genüßlich verspeisten - und der Saft tropfte unten raus, und wir lachten darüber und leckten uns die Finger ab. So alt bin ich noch gar nicht - und habe doch schon einige Extreme im Auf und Ab; im angeblichen Gut und Böse der gesellschaftlichen Wendungen erlebt. Und nun kommt es mir wieder, das Staunen. Ich möchte dabei sein, wenn wir nicht länger zerstören, sondern bewahren und Frieden schließen. Und ich sage es weiter, wenn mir etwas gefällt, so wie das Natürlicht, auf das ich im Leben nicht gekommen wäre. Aber zum Glück muss ich ja nicht alles alleine machen, so wie keiner von uns, wenn er es nicht ausdrücklich selber so will.

Leute! Ich wünsche euch einen frohen Tag auf diesem unserem gütigen, so geduldigen Planeten; auf dem in unserer Gegend heute meteorologisch der Frühling beginnt und alles zu neuem Leben erwacht. Meine geliebte und schöne Kleidung ist auch teilweise aus recycelten Plastikflaschen hergestellt; und die Kleidchen tragen ein Fair-Trade-Siegel. Ich habe so deutlich an dieser Stelle noch nie über dieses Thema geschrieben, aber heute muss es einfach sein. Die Jüngeren inspirieren mich dazu; ich danke euch dafür. Ich tue, was ich kann und bin bestimmt nicht perfekt; aber was wäre das auch, Perfektsein, Vollkommenheit als menschliches Wesen! Wo habe ich das gelesen: "Nicht alle von uns können große Dinge tun. Aber wir alle können kleine Dinge mit großer Liebe tun."

Und so versuche ich es. Was am Ende "klein" war oder "groß" - das entscheide sowieso nicht ich. Wer denn? Keine Ahnung. Weiß ich doch nicht. Sollte mir noch ein "Natür"Licht aufgehen, sage ich euch gleich Bescheid. Versprochen.

 

 

Kleine Wunder im Frühling

28.02.2019, 09:54 Uhr

An der Ecke zu meiner Straße steht ein Leierkastenmann. Oh nein, denkt es in mir, der schon wieder! Der nervt! Und außer den Kindern, den ewig fröhlichen Wesen, kann sich keiner recht darüber freuen, wenn dieser seltsame Mann für ein paar Nachmittagsstunden alles übertönt mit seinen Gassenhauern. "Wenn der weiße Flieder wieder blüht", "Tulpen aus Amsterdam" und ähnlich sprießende all-time-Musikstücke. Ich kann sie im Moment gar nicht alle wiedergeben, fällt mir auf. So ist das, wenn man Töne bloß als Lärm empfindet und nicht als Bereicherung. No jo.

Aber gestern, auf einmal, meldete sich eine zweite Seite in mir, und diese zweite Katrin lächelte genau wie die Kurzen, die vor dem Berliner Original tanzen und nicht weiter gehen wollen mit ihren eiligen Eltern. Mensch, wie schön! Der Sänger erinnerte mich an einen Abend im Tipi am Kanzleramt, als ich eine ausgelassene Version der Operette "Frau Luna" von Paul Lincke ansehen durfte. Was heißt "ansehen"! Ich durfte DARIN leben und mit feiern und mich von der Ungezähmtheit der agierenden Schauspieler anstecken lassen. Das war vielleicht ein Künstlerstelldichein! Mein Gott. Ich brauche solche Ereignisse von Zeit zu Zeit und zehre länger davon als andere Menschen. Ob der Prinz Sternschnuppe auf der Bühne oder die wundervolle Stella, Lunas Zofe - oder die Witwe Frau Pusebach, Venus, Mars bemerkt haben, dass auch ich ein "Sonne-Mond-und-Sterne"-Kleid trug, goldene Himmelszeichen auf nachtblauem Untergrund; und passende Ohrringe dazu? Ich fürchte, es wird ihnen entgangen sein, ich saß ja leider im Publikum. Aber GEFÜHLT habe ich mich wie Eine von ihnen; ich gehörte zu diesem wilden Künstlervolk, und wenn ich die Gänge zwischen meinem Platz und den Schönheitsräumen abgeschritten habe, dann - oh ja - dann sollte es jeder bemerkt haben, der auch nur ein wenig zu sehen vermag.

Es gibt diese Aufführung noch bis zum 31. März, und wer kann, sollte sie sich ansehen. Sie hebt die Lebensfreude und die Daseinslust - und, nein: Ich bekomme keine Provision für diese Empfehlung. Ich möchte einfach teilen, was mir so viel gegeben hat wie es keine Frohmachpille geben könnte (vermute ich! Ich kenne mich im Grunde gar nicht aus mit solchen Pillen ...). Es ist ein rauschendes Fest, bei dem das Publikum mit singt, kichert, schunkelt; sogar die Eingesperrtesten in ihren so schicken wie korrekten Anzügen. Und in den Kabinen der Regenerationsräume wird weiter gesummt und gegrinst. Ich habe es mit eigenen Augen beobachtet. Mit eigenen Ohren belauscht.

Und nun betrachte ich sogar den Leierkastenmann an der Ecke zu meiner Straße neu. Der gestrenge Teil in meinem Wesen wird abgelöst durch den lustigeren; ich bleibe stehen, erfreue mich an all den Gassenhauern, die fast so klingen wie jene neulich von der Tipi-Bühne. Ach, wie liebe ich meine Stadt, wenn ich die "Berliner Luft" besinge, mir frischen Mut hole aus "Laß den Kopf nicht hängen" oder brülle vor Lachen bei "Glühwürmchen, Glühwürmchen, flimmre, flimmre" (in der Version im Zelt gibt es tatsächlich ein extrem niedliches männliches "Glühwürmchen" mit wackelnden Fühlern am vierschrötigen Kopf!!). So gibt es wohl im Leben immer das Eine und das Andere; ich kann wählen, wenn ich es denn will.

Meine Lieben, mir scheint, ich ziehe sogleich das dunkelblaue Himmelszelt-Kleid noch einmal über und stecke mir die goldenen Ohrringe an, auf denen sehr kunstvoll der Mond die Sonne umarmt wie auf der Yogamatte mein Liebster zuweilen mich. Und dann gehe ich raus in die Frühlingssonne und schaue, wo wohl der Leierkastenmann heute stehen mag. Das mache ich! Aber hallo! So vieles steht nicht in meiner Macht. Aber welche Seite in mir ich stärken und vermehren will, das ja! Wir werden uns sehen. Ihr erkennt mich an dem Kleid. Einer Kreation der Firma "Blutsgeschwister"; und auch dafür bekomme ich keine Provision, dass ich das lobend erwähne. Bis zum nächsten Mal, euch eine gute Zeit - und achtet auf die Wahl, die ihr habt, selber und gleich. Fortsetzung folgt. Eure Katrin. Muß feiern. Das Leben und so und den Frühling und so ... - und dass diese Seite hier heute drei Jahre alt wird! Weniger als meine Enkelin alt ist. Mehr als die nächsten Enkel alt sein werden, die aber - Hurra und Halleluja - zu mir unterwegs sind. Ach! :-)