Ich glaube, das Klügste, was ich je über die Liebe gesagt habe, habe ich gleich in mein erstes Buch geschrieben: Wenn ich bei dir bin, bin ich näher bei mir.

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Ein Märchen

07.02.2019, 10:17 Uhr

Ich zähle gerade mein Geld und sammle meine Federn, die ich noch nicht verloren habe im Laufe eines langen, doch schon ziemlich langen Lebens. Da klingelt es an der Tür, zur Unzeit. Wer kann das sein? Niemals um diese Stunde hat schon je einer gewagt, mich beim Zählen, Sammeln zu stören. Vorsichtig luge ich durch den Spion. Ha! Man nennt es den Spion, jenes kleine Auge an Wohnungstüren! Irgendwie ist es gerade wichtig für mich, das gesondert hervorzuheben. Vielleicht, weil in meiner Stadt zur Zeit diese Plakate hängen; Stasi 1989 - und Facebook, Smartphone, App, Drohne & Co. 2019. Unter der Überschrift "An jeder Ecke ein Spitzel". Na ja, wie auch immer. In einem Menschenkopf vermischen sich halt Dinge, gesehene, geträumte, selbst erdachte, selbst erlebte. In einem Literatinnenkopf ganz besonders. Aber das wollte ich alles nicht erzählen. Ich luge also durch meinen Türspion und sehe sie draußen stehen, zu zweit, einen Mann, eine Frau; und sie wirken eigentlich nicht wie die Zeugen Jehovas. Ich weiß auch nicht, woran ich das nun wieder erkannt haben will. Ich öffne. Ich bin ja auch sehr neugierig. Das ist nicht zu ändern, so bin ich schon geboren worden. "Guten Tag", sagen die Frau und der Mann im Chor. Sie lächeln mich freundlich an. Ich bleibe etwas reserviert. Man weiß ja nie. Ich grüße aber zurück. "Worum geht es?", frage ich. Neugierig. Klar. 

"Wir möchten uns bei Ihnen herzlich entschuldigen." Hä? Aber da reden sie bereits weiter. "Ja, wir haben Geld von Ihnen angenommen, als wir schon ahnten, unsere Airline wird es wohl nicht mehr sehr lange geben." Ah! Aber, was - um alles in der Welt ... Sie brauchen meine Einschübe nicht. Sie fahren einfach fort: "Das ist nicht anständig", sagt der Mann. "Und nun haben Sie alles umsonst so früh im Jahr schon berappt. Im guten Glauben und Vertrauen. Das tut uns leid. Es soll Ihnen kein Schaden daraus entstehen. Mit dieser Last wollen wir nicht weiter leben." Die Dame zückt einen Umschlag. Es raschelt darin. "Hier ist der Betrag, den Sie durch unsere Geschäftspleite verloren haben oder eben fast verloren hätten. Wie gesagt, wir bitten Sie um Entschuldigung. Wir leisten vollen Ersatz." Als ich wieder sprechen kann, höre ich mich sagen: "Kein Anwalt? Kein Streit? Muss ich das vielleicht versteuern? ..." 

"Aber nein", sagen die beiden wieder im Chor. Sie tun das ja an vielen Haustüren. Sie sind in Übung damit. "Es geht uns um die neuen Zeiten, um einen völlig veränderten Umgang der Menschen untereinander. Wir möchten selbst damit beginnen, hier und heute und gleich jetzt." "Wollen selber die Wandlung sein, die wir auf der Welt zu sehen wünschen", bekräftigt der zweite des eigenartigen Pärchens an meiner Tür. Ich nehme den Umschlag entgegen. Mir wird leicht schwindelig, ich muss mich am Holzrahmen zum Eingang in meine Wohnung ganz kurz festhalten. Träume ich? Wache ich? Ich weiß es nicht mehr. Wer soll es mir sagen. Ich bin ja ganz allein mit diesen Beiden.

"Und, wenn Sie eine Umbuchung brauchen, wir sind Ihnen gern behilflich dabei", bieten sie mir noch an. Nein, also jetzt glaube ich wirklich nicht mehr, dass das hier tatsächlich geschieht. "Danke", sage ich. "Darüber muss ich erst nachdenken." Sie überreichen mir noch eine Visitenkarte. Ich kann sie jederzeit kontaktieren. Und dann helfen sie mir. Ohne Anwalt. Ohne Gericht. Ohne Umschweife. Einfach so, von Mensch zu Mensch. Ich kneife mich überall. Aber ich liege nicht in meinem Bettchen; es ist kein Traum. Oder doch? Weil angeblich alles nur ein Traum ist auf Erden? ... 

Wo war ich stehen geblieben, vor diesem Besuch? Ach ja, ich hatte mich sortiert; hatte meine Federn gesammelt und die Verluste verbucht. Im Moment weiß ich nicht, wohin ich mich wenden soll. Also bleibe ich einfach stehen, wo ich stehe, an Ort und Stelle. Schaue an mir herunter, den raschelnden Umschlag noch in der Hand. Da sehe ich einen frischen Flaum wachsen, ganz zart. Wenn er sich schon am Handrücken zeigt, dann eventuell auch anderswo am Körper? Auf meiner Seele? - Ich muss jetzt aufhören zu schreiben. Ich habe Wichtigeres zu tun. Das will ich ganz genau wissen. Und dann unter die Leute gehen, mich zeigen, es verkünden. Wie diese beiden. Kann es wirklich wahr sein? Ich habe nicht die geringste Ahnung. Es ist ein Märchen. Oder was sagt ihr dazu?

 

 

ein Gruß zum neuen Jahr

11.01.2019, 11:06 Uhr

Es ist natürlich klar, dass ich jedem meiner Leser nur das Allerbeste wünsche. Dass wir jetzt eine nächsthöhere Zahl hinter das Tagesdatum schreiben, sei nur eine Frage der Mathematik, möchte ich meinen; aber nein! Es hat schon seinen Sinn, dass es damit eine gute Gelegenheit gibt, jedem Nachbarn, dem ich beim mittäglichen Lustwandeln begegne, einen frohen Wunsch zuzurufen. Ich sollte das nicht gering schätzen, wirklich nicht. Und so schmettere ich es über die Straße, raune es in so manches Ohr, grinse es über einen Ladentisch. "Ein gesundes und glückliches neues Jahr", sage ich - und ernte damit ein Lächeln. Hat sich doch schon gelohnt! Echt mal.

Ich möchte es nicht versäumen, euch allen zu danken, die ihr (zu Weihnachten?) meine Bücher erworben und vielleicht verschenkt habt. Das tut der Literatinnenseele so gut - ihr habt ja keine Ahnung. Alle meine Bücher sind zeitlos und immer wieder lesenswert; das habt ihr mir damit gesagt, es kommt bei mir im Innersten an. So nähre ich mich vom Seelenfutter und empfange die Kraft, weiterzumachen, die Jahresrechnung zu bezahlen, die sichert, dass alle meine Buchdaten weiter "gehalten" werden bei Books on Demand; so dass ihr sie auf den üblichen Wegen bestellen könnt. Ich freue mich sehr über euer Interesse und kaue auf einer nächsten Idee herum, ohne sie allerdings willentlich herbei zwingen zu können oder auch nur zu wollen. Darüber habe ich schon oft erzählt, nicht wahr? Das sagen auch berühmtere Kollegen von mir immer wieder und stärken mir die Geduld damit, die nun einmal mit meinem Beruf verbunden ist. Geduld! Oh je. Herr - schenke sie mir, aber sofort!, das ist ein bekannter joke unter Gleichgesinnten. Aber selbst Nikos Katsanzakis hat es gewusst: "Wir haben die Pflicht, uns nicht zu beeilen (die Pflicht!), nicht ungeduldig zu werden und dem ewigen Rhythmus der Natur mit Vertrauen zu folgen." Ich glaube, ich habe dieses Zitat aus dem "Alexis Sorbas" in mein drittes Kreta-Buch übernommen; manchmal weiß ich das gar nicht mehr so genau. Jedenfalls hängt es über meinem Schreibtisch und verliert nichts von seiner Aktualität für mich. Auch heute trifft es wieder den Kern, an diesem elften Tag des Jahres 2019 in Berlin, das mit Schneegriesel ein wenig beim Winter mitzumachen versucht. 

Ein echter Schnuspelmorgen, schrieb ich vorhin in mein Tagebuch. Schriftstellerwetter! Nur meinesgleichen jubelt darüber, weil wir mit Fug und Recht am Schreibtisch sitzen bleiben können und nicht raus zu gehen brauchen. Und dann mache ich mich doch auf meine Touren - eingedenk der alten Weisheit, dass es kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung gibt. Ja ja. Und bin dankbar, dass mein Schrank tatsächlich voll davon ist, von zu jedem Klima passenden Hüllen. Aber auch das - verflixt noch eins! - schreibe ich nicht zum ersten Mal. Wo war das noch ... in einem anderen Buch, zu einer anderen Zeit, auf dieser website gar? ... Ich redete zu viel. Ich schrieb ununterbrochen. Ich sabbelte so vor mich hin. Manchmal finde ich inzwischen Schweigen auch ganz nützlich und angesagt. Hey, Leute! Aber eine stumme Schriftstellerin!!! Was übte sie denn dann eigentlich noch für eine Berufung aus?! Das ist eine gute Frage, nicht - oder? Ein bißchen muss ich mich schon noch mit Worten ausdrücken, und das tue ich eben hier, auf dieser Seite, so lange mir der nächste Held für ein neues Werk nicht auf der Straße begegnet - oder meine ankommenden Enkelchen (neulich sagte ich: "Engelchen"! Was für ein herrlicher Freud´scher Versprecher!!!) mich zu etwas völlig anderem inspirieren. Ich halte mich offen und bereit. Da könnt ihr sicher sein!

Was wollte ich eigentlich sagen? Neuerdings empfange ich ulkige Wortneuschöpfungen, die ich mir vorsichtshalber notiere, man weiß ja nie. Schnuspelwetter zum Beispiel. Oder Vertonken. Den Liebsten nenne ich so, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Vertonken. Mein Schatz. Manchmal ersetze ich mit "Vertonken!" auch einen ungehaltenen Fluch. Dann muss ich fast schon wieder lachen - und Lachen ist extrem wichtig, wie ich im Selbstversuch herausgefunden habe -; denn wer kann noch tierisch ernst bleiben, wenn er "Vertonken!" flucht statt etwas Schlimmeres, das ich hier bewusst nicht wiederholen will. Ihr merkt, wie ich so drauf bin am Anfang dieses neuen Jahres. Und da wisst ihr noch nicht, dass ich mich anziehe wie eine fröhlich gealterte Pippi Langstrumpf. Schade, dass es diese Figur schon gibt; ich möchte sie glatt erfinden - oder eine wilde Schwester von ihr, ein Brüderchen ... Bis dieser Held sich mir offenbart, gewande ich mich jeden Tag erst einmal selber so, wie ich mir einen solchen Menschen eventuell vorstelle, und die Modefirma "Blutsgeschwister" hilft mir dabei. Jetzt ist es raus; Vorsicht! Product Placement auf meiner Seite!!! Aber ich muss es einmal erwähnen: Wenn es das gibt, dass textile Designer ähnliche Intentionen haben wie schreibende Künstler, dann müssen wir seelenverwandt sein, dieses label und ich. So bunt und originell und ladylike und unbändig humorvoll wie diese Kleider mit eigenen Namen; so wünsche ich mir mein neu zu entbindendes Wesen - und mein ganzes Jahr 2019, wenn es gestattet ist.

Damit wißt ihr nu wieder Bescheid über eure Katrin aus der Werkstatt. Vertonken aber auch!

 

 

beim Weihnachtsputz

23.12.2018, 11:00 Uhr

Staub. Staub. Staub. Wir wischen ihn fort, achtlos, gedankenlos; finden ihn lästig. Und wenn es nun die Asche unserer Ahnen ist, die sich zeigt, um uns zu erinnern; uns an etwas zu gemahnen? Meint ihr wirklich, er erschiene zufällig und so hartnäckig immer wieder neu in unseren Zimmern - der alles bedeckende, nie ganz zu entfernende Staub? ... 

Zu morbide, dieser Eintrag, für die festliche Zeit? Ich denke, nicht. Ich bin so, Jane Austen war, soviel ich weiß, auch so ähnlich; und es sickert ja ohnehin immer mal wieder etwas durch. Das muß dann wahrgenommen werden, festgehalten und gewürdigt, das ist mein Beruf. Und während ich das schreibe, schon mit meinem Rechner im Prinzip aus dem Allerheiligsten weg geräumt, um der weihnachtlichen Feiertafel Platz zu machen im Wohnzimmer; putzt mein Schatz den großen Tisch mit einem Lappen, alles wackelt - und das letzte Eckchen für meinen kreativen Erguss wird mir streitig gemacht. Staubwischen auch hier, wo ich doch noch etwas mit euch teilen will. Das ist der Lauf der Dinge. Mir jedoch entgeht nichts. Und so werde ich auch fürderhin an dieser Stelle meine seltsamen Gedanken einstellen; sie sind absolut authentisch - wenn auch oder gerade daher seltsam -; sie entspringen ehrlicher, analoger Quelle. Nichts gelogen. Nichts prämiert.  

Das ständige Auf und Ab von Lob und Tadel, Hochstieg und Fall, es ist mir ohnehin suspekt. Also sei mir willkommen, mein allerletztes vorweihnachtliches Staubfleckchen, Eckchen; es könnte ja ein Gruß sein aus der Vergangenheit, der mir sagen will: Gib Ruh, meine Kleine. Mach es dir bloß nicht so schwer.

Frohe Weihnachten euch allen. Eure Katrin aus der Lebenswerkstatt, kurz vor den zwölf Rauhnächten, in denen alle Tore zur Anderwelt weit, weit offen stehen sollen. Daher der Staub.