Ich schreibe Bücher
für Menschen,
die zu sich hin wollen,
anstatt
von sich selbst fort.

Neuigkeiten


Mein Weihnachtsmoment

10.12.2018, 10:09 Uhr

Die Berliner U-Bahn. Traurige Berühmtheit. Fernsehbilder von Gewalttaten, immer wieder abgespult und aufgerufen. Ich kenne Menschen, die rollen schon mit ihren Augen, wenn es nur heißt: "Heute bin ich mit der U7 gefahren". Und Therapeuten begleiten ihre Patienten, die sich allein nicht in diese Waggons trauen. Ich nehme sie trotzdem ab und zu, die Metro meiner Stadt. Und finde die Befürchtungen mal bestätigt, andere Male nicht. Aber nun. Ein wahres Wunder!

Es war knackend voll. Ein junger Türke hatte mir seinen Sitzplatz angeboten, und in mir stritten diese Stimmen ... "so alt sehe ich also schon aus" - und: "es gibt sie also doch noch immer, diese Gentlemen, von denen ich schon in meinem ersten "Stadtstreicherinnen"-Buch geschrieben habe". So ungefähr. Vielleicht noch ein paar Stimmen mehr. Ich will Sie damit nicht langweilen. Plötzlich, auf der Station "Britz-Süd" öffnen sich die Türen, eine exotische Großfamilie steigt ein, mindestens fünf Kinder, soweit ich das erkennen kann, denn die Allerkleinsten teilen sich einen Kinderwagen und schlafen zum Teil übereinander gekuschelt im Verborgenen. Die etwas Größeren, so gar nicht scheu, entern das Innere der Bahn und belegen die noch freien Bänke, springen einigen Passagieren fast auf ihre Schöße. Gleich gibt es Ärger, mutmaßt eine von den hörbaren Stimmen in mir; und ich bemerke schon steilere Falten auf Stirnen in meiner Umgebung. Direkt mir gegenüber erklettert ein Mädchen (oder Junge?) mit strubbeligem schwarzen Haar ein Eckchen und schaut herausfordernd um sich. "Wie heißt du?", spricht das kleine schmale Wesen die Frau neben mir an, die ich mir bislang nicht genauer betrachtet hatte. Wie ich nun sehe, ist sie eine Asiatin, verstöpselt wie die meisten, weswegen ich gar nicht mit einer Reaktion ihrerseits rechne. Aber da soll ich überrascht werden. Sie tut es! Sie nimmt die Ohrhörer raus, wendet sich der Kleinen zu und sagt einen Namen, den ich nicht verstehe. "Hm?", fragt das Kind zurück. Bekommt erneut Antwort. Und dann geschieht etwas, das ich im Traum nicht für möglich gehalten hätte. Die Dame reicht ein Ende ihres Kabels rüber, steckt es in das kleine Ohr, ohne zu fragen, ob es gewaschen ist; ohne ein Desinfektionsspray zu benutzen, einfach so, von Mensch zu Mensch. "It´s mongolian", sagt sie, offenbar mongolische Musik. Dann vergewissert sie sich, ob der Ohrstöpsel richtig sitzt; plaziert bei sich selbst den anderen. Und dann lauschen sie ihren für mich und alle anderen unhörbaren Klängen; das kleine Mädchen (ich bin mir jetzt sicher, dass es kein Junge ist) und die asiatische Frau. Es muss eine meditative Komposition sein, denn sie werden beide ganz still, nicken einander nur zu, von Zeit zu Zeit. So teilen Liebende ihre streams oder beste Freundinnen. Und hier - einfach so - ohne viel Federlesens, wie es im Märchen heißt. In mir, ein Staunen. Ich fühle mich, als wäre ich Teil einer Umkehr. Hätte ich ... an ihrer Stelle ...? Ich weiß es wirklich nicht. Habe ja auch kein Smartphone. Höre keine Musik in der Bahn. Lebe analog.

Irgendwann müssen wir alle aussteigen. Wieder dieses wortlose Nicken. Artig gibt das Kind das technische Gerät zurück. Wie ruhig sie geworden ist. Ich nehme mein tiefes Staunen mit hinaus in meine Welt. Frohe Weihnacht uns allen. Es sind immer die kleinen Dinge, nie die großen, dramatischen. Und die können uns überall finden. Klingt wie eine Binsenweisheit? Was kann eigentlich ich dafür!

 

  

die Welt

13.11.2018, 15:09 Uhr

Die Welt scheint mir von allen Seiten zuzurufen, jetzt setz dich endlich hin und schreib ein neues Buch. So ist die Welt. Sie will immer was Neues, und ich soll es ihr liefern. Dann entscheiden Bewertungen im Internet darüber, ob es wirklich gut war oder nicht. Wer läßt eigentlich noch die eigene innere Instanz entscheiden? Wer stöbert in meinen bereits vorhandenen zwanzig lieferbaren Werken und sucht sich erst einmal von dort etwas heraus? Wer geht das unfassbare Risiko ein, sich so ein Büchlein zu kaufen und nicht vorsichtshalber auszuborgen von jemandem, dem ich bereits eines geschenkt, ja: GESCHENKT! habe ... Ein Schriftsteller möchte von seinen Büchern leben können - ich auch, na klar doch und was denn auch sonst!!! -, und die Allerwenigsten schaffen es dort hin, höre ich sagen. Jedenfalls auf mich trifft das zu; im Grunde ist mein größtes Kunstwerk bereits heute mein Leben selbst. Mit Geschick, Sorgfalt und im Zaum gehaltener Verschwendungssucht balanciere ich über dieses Seil, das zwischen zwei Unmöglichkeiten gespannt wurde, vor langer Zeit. Und ich kann sagen, in jedes einzelne meiner bereits vorhandenen Werke habe ich nichts als mein Herzblut hinein fließen lassen; nahm die Unterstützung freigiebiger Mäzene an, um wieder Monate, Jahre am Schreibtisch zu versinken und dort mein Bestes, wirklich Allerallerallerbestes zu geben. Und dann bewertet mich einer oder keiner - und das Buch fällt von vornherein durch; und die mich kennen, meine Qualität loben, haben selbst genug um die Ohren, um sich nun auch noch um mich und meine gebührende Beleuchtung zu kümmern. Ach! 

Wozu tust du dir das denn dann an, höre ich die Welt mich fragen; und die Frage ist berechtigt. Weil ich es kann, antworte ich mit leichtem Zögern. Weil ich gar nicht anders kann. Und weil ich an die Veränderung glaube, die das Leben nun mal ist. Nichts ist für die Ewigkeit in Stein gemeißelt, Wunder geschehen jeden Tag - und alles ist möglich. Daran glaube ich. Weil ich es selbst erfahren habe, auf mannigfaltigen Gebieten dieses Lebens hier auf Erden. Und wieso sitze ich dann noch nicht wieder am Computer und erzähle dies alles in einem nächsten Buch? Na, ich weiß nicht. Warte auf die Inspiration. Will es nicht erzwingen. Mit dem Herzen schreiben, nicht (nur) mit meinem Kopf. Bis der Funke wieder überspringt, schreibe ich all das hier hin - und in mein Tagebuch Nummer 49, das ich letzte Woche angefangen habe. Das Leben ist keine Rennebahn. Und ein Künstler ist kein Dienstleister und schon gar keine Maschine. Weißte Bescheid, Welt.

PS: Es ist einfach unfassbar, wie sehr man so ein Leben lieben kann, von dem man nicht weiß, woher es kommt und wohin es geht. Und wer ist "man"? In diesem Falle: ich. Eure Katrin von unterwegs ... 

 

 

eine Damenrunde

01.11.2018, 09:42 Uhr

In einem Café in Thüringen, wo es am verwunschensten ist, fand ich eine Damenrunde der köstlichsten Art. Sechs Ladies kloppten miteinander am runden Stammtisch irgend ein Kartenspiel, das ich nicht kenne und verströmten eine Aura, in der ich mich sofort herzlich wohl fühlte. Der Kater Paul saß dabei, schaute durch ein großes Fenster nach draußen auf einen gähnend leeren Platz am Feiertag. "Du redest, als seist du schon hundert", maulte eine die andere an. "Na ja, meine Knochen sagen das manchmal", kam die Antwort sofort. Ich weiß nicht, wie viele Lebensjahre dort beisammen hockten, und es war auch egal. Es spielte schlicht keine Rolle; darüber waren sie unbekümmert hinaus. Sie waren, wie sie waren und brauchten keine Tünche. Sie hatten keine Angst vor Konflikten; das wurde mir klar, als ein Streit ausbrach. Man konnte sich nicht einigen, wer zuletzt "gegeben" hatte, wer also nun damit dran sein sollte. "Ich stehe gleich auf, ziehe mich an und gehe", drohte die eine. "Du bist schon wie die Politiker!", wurde sie ausgeschimpft. "Wenn es schwierig wird, zurück treten. Bloß nichts aushalten, zur Abwechslung." "Bin doch keine Politikerin!", verteidigte sich die so Geziehene, und ihr entfuhr das böse "A"-Wort. "Da sitzt ein kleines Kind am Nebentisch", folgte die Ermahnung sogleich. "Und du gebrauchst Kraftausdrücke." Da lehnten sie sich zurück, schauten zu mir und meiner aufmerksamen Enkelin herüber; wir schütteten uns alle aus vor Lachen und waren eine einzige Gruppe, ein Herz und eine Seele. Altersunterschiede gab es nicht, in diesem Augenblick. Kartenspiel, Kakao oder Kännchen Kaffee; hin oder her. Acht Mädchen sprühten miteinander Funken. Dem Kater Paul wurde das alles zuviel. Er trollte sich, fand sicher ein ruhigeres Plätzchen auf dem Hof.

Für mich war diese Damenrunde wie eine Antwort des Lebens auf meine ungestellte Frage. Hatte ich mich nicht selbst erst kurz zuvor (und davor - und vorher auch) aus meinem Anzug treiben lassen; war explodiert, wieder einmal, und nur der Thüringer Wald mit seinen Sträuchern und Bäumen könnte ein Lied davon singen; der Geliebte sowieso - und die Berliner Straßen ebenfalls ... ?! ... Ich lasse das enge Kostüm der Konventionen zurück. Ich platze aus allen Nähten. Und anstatt mich da wieder hinein maßschneidern zu lassen, erkunde ich nun lieber das weite Land dahinter. Diese Kartenspielerinnen weisen mir den Weg, und er gefällt mir. Kann sein, dass es auch der Enkelin eines Tages nützt. Oma sein ist eine Verantwortung und ein frohes Lied auf meinen Lippen.