Das Leben unter den Menschen
ist ein ständiges Spiel zwischen Distanz und Nähe.
Ich darf da keine Perfektion von mir erwarten.

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Übergänge

24.08.2018, 12:01 Uhr

Das Alte ist schon fort. Das Neue trägt noch nicht. Wie oft in meinem Leben war ich schon an so einem Punkt, und doch ist er immer wieder frisch, gänzlich ungewohnt. Eigentlich klar: Hier bin ich ja noch nie gewesen. Wie sollte ich mich da auskennen! Ich durfte so oft loslassen, einen Schritt zurück treten hinter meine stolzen Erwartungen; mich nackt wiederfinden irgendwo im Niemandland, ohne die schützende Hülle einer bisherigen Identität. So ist es jetzt wieder. Gottlob, ich bin nicht allein. Beziehungsweise, allein bin ich schon, so wie jeder von uns, letzten Endes. Aber einsam bin ich nicht. Ich weiß, was ich tun kann und lassen, und wie ich das Eine vom Anderen zu unterscheiden vermag. Ich weiß, wo ich hin gehen kann in trüben Momenten, ich weiß, welches Buch ich aufschlagen könnte; ich halte Gefühle aus und schätze ihre Energie - auch, wenn sie mich manchmal schier zu Boden ringt. Das auch. Oh ja.

Tagebuch schreiben hilft. Laufen hilft. Ich durchstreife meine Stadt wie üblich und schaue in die Second-Hand-Geschäfte hinein, die irgendwie immer mehr werden. Kein Wunder! Wo sollen denn die Massen an produzierten Kleidungsstücken hin, wenn man sie aussortiert und saisonal erneuert?! Ich halte es längst für keine Tugend mehr, zu Hause auszumisten. Eher finde ich, es tut ein jeder der Welt einen Gefallen, wenn er seinen Teil Verantwortung am Lagern all der Sachen übernimmt. Also, was das angeht, habe ich jedenfalls ein gutes Gewissen. 

Nun habe ich mir einen Kimono gekauft. Nie wollte ich so einen japanischen Mantel haben oder einen Yukata, wie ich aus dem Internet lerne; die Jeans unter den Kimonos. Alltagstauglich, aus Baumwolle, mit üppigen bunten Blumen übersät. Blau, rosa, violett. Er hing da über einer Schaufensterpuppe, und alle haben wir ihn bewundert. Ist der schön! Und direkt im Ursprungsland fabriziert. Eine tausend Jahre alte Tradition; wie in Indien das von mir so sehr geliebte Blockdruckverfahren. Wie gesagt: Meine Lager sind voll. 

Aber wozu ein Kimono? Ich widerstand der Neuerwerbung eine Nacht lang. Dann fand ich mich wie von unsichtbaren Fäden gezogen in jenem Neuköllner Laden wieder, schmetterte fröhlich mein Anliegen über den Tresen. Andächtig faltete die Verkäuferin das herrliche Stück für mich zusammen. Ist der schön! Ja. Ja doch, ja. Deshalb bin ich ja wieder hier. Ob ich auf so etwas stünde, fragte mich die junge Frau mit Rastazöpfen, Piercings. Na ja, sagte ich wahrheitsgemäß, eigentlich nicht. Eigentlich indische Saris; und zupfte bestätigend an meiner Bluse. Auch Second Hand. Da findet man vielleicht Schätze! "Ich habe versucht, ganz reduziert zu leben", erläuterte ich der Dame. "Aber es geht nicht." Sie nickte verstehend. "Man sollte wirklich nicht so viel anhäufen, oder?" "Ja", stimmte ich ihr zu, "ich habe zum Beispiel kein Handy." Elektronik läßt mich eher kalt. Aber als unbekleideter Yogi in einer Höhle leben - nee, das bin ich weiß Gott auch nicht. Ich wollte keine Tüte dazu kaufen (bei Humana wäre sie selbstverständlich aus Papier gewesen, nicht aus Plastik); ich trug mein prachtvolles Stück Japan in den Händen den ganzen Weg von Neukölln bis zu mir nach Hause; etwas mehr als eine Stunde Fußweg. Und ich hatte die ganze Zeit über eine tiefe, jubelnde Freude daran und in mir. Die hält jetzt immer noch an, wo mein Yukata gewaschen, von eigener Hand gekürzt und beim morgendlichen Schreiben am weit offenen Fenster zum zweiten Mal getragen ist. Was soll ich sagen! Ich schlüpfe in ihn hinein wie in eine Umarmung. Seine weiten Ärmel bieten Platz und engen mich nicht ein. Er sieht strahlend aus; falls ein Nachbar herüber schauen sollte, sähe er mich gut gewandet. Und ich wollte nie einen Kimono haben! Ich wollte Äußerlichkeiten wie Klamotten grundsätzlich niemals so genießen! Was ich von mir dachte und halten wollte, war ernster, in mich gekehrter, intellektueller gar.

Das bin ich nicht. Ebenso, wie ich keine Rampensau bin, kein Einzelgänger; wie ich nicht berühmt werden will, und war doch einst felsenfest davon überzeugt, dass all dies zu mir gehört. Was fällt wohl noch alles von mir ab? Was darf ich abladen? Alles? Am Ende sicher. Aber soweit bin ich ja noch nicht, am Ende. Übergänge. Immer wieder. Und ich bin es nicht, die das Ganz Große Rad dreht. Zum Glück bin ich das nicht. Das gäbe ein schöne Chaos sonst.

Fortsetzung folgt. Eure Katrin aus der Lebenswerkstatt.  

 

 

ein heiliger, ein heilender Moment

04.08.2018, 10:29 Uhr

Lauter schöne Dinge haben dazu geführt, dass ich auf einer Straße lag und kollabierte. Nanu? Wie geht denn das? Ganz einfach. Wir wollten baden fahren, die kleine Enkelin war zu Besuch, mein Sohn auch; und ich liebte es. Ich liebe auch den Sommer und die Wärme. Mein Image sagt, das ist genau mein Ding, ich halte es aus, was kostet die Welt! Und dann, auf dem Weg zum Liepnitzsee in Brandenburg, an diesem herrlich strahlenden Dienstag in Familie, wurde mir auf einmal schlecht. Nicht, dass mir das unbekannt wäre; in vielen Autos während vieler Fahrten und Lebensphasen ist mir bereits übel geworden, ich neige dazu, weiß auch nicht warum, kann sein, dass meine Seele spricht, weil sie stark verlangsamt leben will, ganz gegen den Geist dieser Zeit oder motorisiertes Tempo oder wie auch immer. Weiß nicht. Weiß nicht, weiß nicht, weiß nicht. Und kannte mich ganz anders. Wie auch immer.

Jedenfalls, wir wollten gerade die Stadt verlassen, dieses ewige Stop and go bei vierzig Grad im Schatten beenden; gleich sind wir auf der Autobahn, dann wird es leichter, sagte der Fahrer, mein erwachsener Sohn. Und dann - ich bat ihn, anzuhalten. Es ging einfach nicht mehr, allen guten Gegenübungen zum Trotz. Das war anders als sonst, spürte ich; mehr als die übliche Reisekrankheit. Erst saß ich auf einem Mäuerchen, dann legte ich mich lang. Mein Herz raste, alle Energie verließ mich aus den Füßen hinaus, Millionen Ameisen wuselten durch meine Venen. Ich hatte nichts mehr unter Kontrolle, so gekonnt ich auch atmen wollte, wie ich es im Yoga gelernt hatte; so sehr ich mich auch zu beruhigen versuchte. Kaltes Wasser, Beine hoch, liebevoller Zuspruch; ich wollte ja, aber ich konnte nicht. Oh je, und nun den anderen den Tag verderben!! Das doch schon gar nicht! Aber ich kam nicht mehr hoch. War mir noch nie passiert.

Plötzlich hielt ein weißer Transporter neben mir. SMH. Schnelle Medizinische Hilfe. Niemand hatte sie gerufen, sie erschien einfach. Zwei Pfleger sprangen heraus, traten zu mir heran. Schon hatte ich Sauerstoff, der meinem Blut fehlte. Schon wurde mein Puls gemessen (sprang hin und her, hoch und runter, wie verrückt). Schon hielt eine so gar nicht fremde Hand die meine; Augen sahen mich mitfühlend an. Wo kommen die her?, dachte es in mir. Jetzt glaube ich wirklich an Gott, kam gleich danach. 

Um es kurz zu machen; sie brachten mich in eine Klinik, ich wurde durch gecheckt und nach ein paar Stunden entlassen. Alle messbaren Werte okay. Aber was war das denn dann? Habt ihr eine Antwort darauf? Für mich ist es eine seltsame Übung, mich meiner eigenen Verletzlichkeit zu stellen; nicht nur in dichterischen Worten, sondern ganz direkt, in echt. Es ist heilsam, fällt mir einige Tage danach auf; heilsam, obwohl ich mir Heilung geschmeidiger wünsche, nicht so schmerzlich. Alles loslassen. Auf Zuwendung angewiesen sein, sie annehmen müssen. Angst haben um das eigene Leben; "und wenn es nun doch ein Herzinfarkt ist? Wenn ich mir die ganze Zeit etwas vormache über den Zustand meiner eigenen Gesundheit?" ... Nein, mache ich nicht. Höchstens über den Zustand meiner eigenen Stabilität. Ja doch; ich bin schwächer, verwundbarer, als ich manchmal meine. Ich neige dazu, den Helden zu spielen; zu funktionieren. "Schonen Sie sich", hörte ich auf der Rettungsstation. Ja, gut. Aber verdammt; wie geht denn das?

Es kann schnell gehen. Den Satz kennen wir alle. Das Erleben dazu ist ein anderes Thema. Jemand, den ich kannte, sagte immer wieder, Gott wirke durch Menschen, darum sollten wir alle gut aufeinander achten. Ich hoffe, diese beiden Männer sind von oben gesegnet; diese Pfleger, die im rechten Moment aus ihrem SMH-Van sprangen und für mich da waren, als ich es am meisten brauchte; die sich nicht vertreiben ließen, die einfach bei mir blieben und mit mir sprachen, mir nicht weh taten, mich streichelten, meine Hand hielten, mich ganz vorsichtig auch noch um die letzte Kurve transportierten und auch dann nicht von meiner Seite wichen, als ich auf die Krankenhausliege gehievt wurde und mich fürchtete. "Ab hier kann nichts mehr passieren", sagte der eine von den beiden und strich mir immer noch über die zittrige Hand. "Ich lebe doch so gerne", sagte ich ihm, zusammen mit allerlei wirrem Zeug, das mir so durch den Kopf schoß. Ich weine. Und ich liebe euch, ihr Leute. Kenne nicht mal eure Namen, aber ich hoffe, es geht euch gut. Fortsetzung folgt ...

PS: Man muss tief eintauchen, um das Mysterium zu erfahren. Ein Neunzigjähriger sagte bei meiner Entlassung aus der Parkklinik Weißensee lächelnd zu mir: "Passen Sie gut auf Ihre Gesundheit auf. Achten Sie auf sich. Dann brauchen Sie auch keinen Arzt." Das kann man auf vielen Ebenen hören, oberflächlich, nickend, wissend - oder völlig neu. Es liegt ganz bei mir. Danke für die Einsicht. Aber hallo!

Noch am Leben: Eure Katrin aus der Schreibwerkstatt. :-)

 

 

Friedenstaube gesichtet

24.07.2018, 12:01 Uhr

Ich habe eine Friedenstaube gesehen. Wirklich! Sie saß auf einer Stromleitung, die durch die Gärten führt; von meinem Berliner "Dorf" ins Nachbardorf. Gestern bin ich da entlang spaziert, und da sah ich sie. "Hallo", rief ich zu ihr hinauf, "bist du tatsächlich die Friedenstaube, wie ich sie seit Kindertagen kenne?" Sie nickte und drehte ihren Kopf ein wenig zu mir herunter, den Zweig mit einer Verästelung und einem grünen Blättchen daran behielt sie fest in ihrem Schnabel. Ich hätte sie so malen können, wenn ich malen könnte, und jeder hätte sie erkannt. "Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land ..." Kein Zweifel. Sie war es. Und ich habe mich kaum über ihr Erscheinen gewundert; sie wird ja schließlich gebraucht. Oder etwa nicht!

Die Haut der Zivilisation ist dünn, das spüre ich in meiner Großstadt allerorten. Es hat manchmal keine Konsequenzen mehr, wenn man sich Luft macht, auf erschreckend rüde Weise. Ich muß das nicht erläutern; jeder weiß, was gemeint ist; und ich bin froh, irgendwann gelernt zu haben: Fang bei dir selber an. Nur dich kannst du ändern - und dann ändert sich die Welt um dich herum. Worte! Während ich sie aufschreibe, ist mir schon klar, wie sie mißverstanden werden können. Das ist eine echte Crux! Reflexartig reagieren andere auf Reizworte - ohne auch nur ein Fünkchen der Überlegungspause: "Moment mal ... - was hat sie hiermit eigentlich genau gemeint?!"

Damals, in meinem Journalistikstudium, habe ich gehört, dies sei das "Geheimnis menschlicher Kommunikation": Die eine Hälfte der Menschheit drücke sich falsch aus - und die andere Hälfte mißverstehe das. Damit muß man leben - und es trotzdem immer wieder versuchen, mit dem Dialog, diesem mysteriösen Miteinander-Reden. Wenn ich könnte, würde ich auch auf Worte verzichten; würde andere Zeichen gebrauchen, die sofort verstanden werden; aber welche könnten das nur sein? Ein Lied singen? Eine Musik schreiben? ...

Vielleicht eine Friedenstaube malen. Abmalen. Denn sie ist ja da.