Die Leute sagen, sie wollen Liebe. Aber die Liebe ist stark und mächtig. So sehr wollen die meisten es dann doch nicht, dieses Sterben im anderen, dieses von Grund auf Verwandeltwerden, diesen tiefen Hall aus dem All.

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Staub wischen auf meiner Seele

09.07.2018, 11:55 Uhr

Ich bin weiß Gott nicht die allergrößte Hausfrau. Putzen ist eher nicht mein Ding, Staub wischen schon gleich gar nicht. Als ich es zuletzt heldenhaft anpackte und ausführte, meinen Staublappen aus dem Fenster meiner Werkstatt ausschüttelte, da grüßte von draußen eine Nachbarin freundlich und sagte: "Ich würde es lassen. Man kämpft auf verlorenem Posten." Ganz meine Rede! Diese liebe Dame erschien mir wie eine Botin; wie die Stimme des Allerhöchsten selbst. Seitdem - nun ja. Ich tue, was ich kann. Sagen wir mal so. Ich gebe mit Sicherheit mein Allerbestes; wie unperfekt auch immer es sein mag. Personal stelle ich aber auch nicht ein. Nö, nö.

Worauf ich allerdings nicht verzichten kann, das ist das Staub wischen auf meiner Seele. Leute! Da hat sich ja was angesammelt - wenn man, wie ich, schon eine Weile auf der Erde leben darf. Meine Güte! Wenn einem das ganze Ausmaß erst bewußt wird!!! All diese "do´s" und "do not´s" - tu dies und tu das nicht -, all diese scheinbar festen Wahrheiten, woher wohl etwas kommt und ein anderes nicht kommt, oh je! Will ich das alles wirklich bis zum Ende mit mir herum schleppen? Und wenn nicht - wie werde ich es los? Werde wieder frisch und jungfräulich (nein, nicht SOOOO ...) und frei und aufnahmefähig für etwas anderes, neues und vielleicht besseres, ja doch, ja! Wie soll das gehen? Werden die Leute eigentlich krank und vergesslich daran, dass sie genau das nicht schaffen; die ganze Last fröhlich abzuwerfen und weiterzugehen ohne sie?

Was mich angeht, zum Beispiel, so darf ich eine echte Liebe leben, mitten im Alltag, hier und jetzt. Und da kommt mir manchmal etwas in die Quere, das von innen kreischt und auf eine Barrikade steigt. Mein Liebster kennt das schon. Da holt etwas tief, tief Luft in mir und hält eine Rede und will gegen irgend etwas aufbegehren, das es schon längst nicht mehr gibt. Es ist verrückt! Da meint eine alte Instanz in mir, hier liefe etwas verkehrt, und sie meint zu wissen, wie es hätte zu laufen müssen, wenn es "richtig" liefe, ihrer Meinung nach und wenn die Welt in Ordnung wäre und ich mittendrin auch; wenn nicht alles so "falsch" und gegen den Baum ginge ... - ach, ja. Mann!

Auch daraum schreibe ich. Weil ich erstens gar nicht anders kann; und weil die Dinge zweitens, wenn ich sie erst auf Papier gebracht vor mir sehe, eine andere Gestalt annehmen beziehungsweise ihre bisherige Gestalt enthüllen und - so nackt da stehend - sich zeigen in ihrem ganzen Wahnsinn. Das ist alles nicht schlimm; ich schade je niemandem damit. Es dient mir zur eigenen Erhellung, zu meinem Glück. So ist das. Leute, danke für eure Aufmerksamkeit; aber ich muss jetzt aufhören, ich habe alle Hände voll zu tun: Auf nehme ich den geistigen Staublappen; los wedele ich ihn durch meine inneren Verkrustungen. Hey, was für ein Spaß! Da bleibt kein Körnchen auf dem anderen, frischer Wind kommt herein. "Hallo", ruft die Nachbarin. "Sie sehen aber anschauenswert aus heute wieder. Kommen Sie mal heran; ich möchte Sie besser in Augenschein nehmen können!" Lieber Gott, lass mich nicht aufgeben. Nie. Bitte und danke, lieber "Baum" (der Baum ist einer meiner Vertreter des Großen Ganzen auf Erden; in einigen meiner Bücher habe ich bereits darüber geschrieben).

Eure Katrin, bei der Arbeit. Wo sonst.

 

 

am Flughafen

11.06.2018, 11:53 Uhr

Vor einigen Jahren sagte mal eine weise Frau zu mir: "Es ist genau so egoistisch, immer nur geben zu wollen, wie es egoistisch ist, immer nur nehmen zu wollen. Denk mal drüber nach." Und das tue ich seitdem, immer mal wieder, wenn es mir einfällt, oder wenn eine Erfahrung im Leben auftaucht, die mich daran erinnert. So wie gestern. Am Flughafen von Heraklion auf Kreta. Sie haben da so ein System beim Einchecken, das ich nicht verstand, und das beinahe dazu geführt hätte, dass ich mein Flugzeug nach Hause verpasst hätte, nach vier herrlichen Wochen auf - na ja, fast schon "meiner" Insel. Man muss zuerst die Koffer an einem Schalter vorzeigen zum Wiegen und Bekleben mit dem üblichen Schniepel, auf den der Bestimmungsort gedruckt ist. Aber dann fährt das Gepäck eben nicht, wie sonst üblich, vor den eigenen Augen auf einem Transportband ins Nirvana - hoffentlich in die Hände fleißiger Packer und in die richtige Luke an der richtigen Maschine. Nein! In Heraklion ist es so, dass man danach die Koffer wieder von der Waage herunter wuchten und zu einem weiteren Schalter transportieren muss, der dann dazu dient, sie auf den Weg zu schicken; richtige Luke, richtige Maschine - Sie wissen schon. Das wäre ja vielleicht alles nicht so schlimm, wenn man es erstens wüßte und zweitens halbwegs freie Bahn hätte - aber das genaue Gegenteil war der Fall, vor vierundzwanzig Stunden in dieser Abflughalle auf meiner so geliebten Insel. Ich hatte lange nicht so ein Gedränge von Menschen gesehen. Es waren keine Schlangen zu erkennen; nur eine Menge wie bei einem Rockkonzert vor einer Bühne. Niemand wußte, wo er oder sie sich hätte anstellen sollen, um zu welchem Schalter vorzudringen; selbst die professionellen Reisebegleiter wurden hektisch und laut. In diesem Gewusel schritt die Zeit gnadenlos voran; und obwohl wir überpünktlich da gewesen waren, fanden wir uns plötzlich in einer Situation wieder, in der auf der großen Anzeigetafel "Boarding" für unser Flugzeug erschien, und wir selbst noch inmitten all dieser Leute standen, bestimmt noch hundert Koffer vor uns.

Und jetzt kommt´s: Auf einen verzweifelten Ruf aus panischem Halse hin meldeten sich freiwillig viel weiter vorn in der crowd zwei junge Damen, die sich als unsere Familienmitglieder ausgaben und uns an die Schalter-Wartestelle vor sich ließen. Gemeinsam rannten wir dann zur Sicherheitskontrolle, durch den Duty Free-Bereich; und dann brüllten sie uns auch schon zu: "Hier entlang!", wo an ihrem Pult die dafür zuständige Dame unserer zu kontrollierenden Pässe harrte. "Sorry for that", verabschiedete uns die griechische Bedienstete aus ihrer Stadt. Wir rasten weiter, durch die Schleuse, fielen in einen eigenen Bus zum Flugzeug, sprangen die Showtreppe zum Einstieg hoch, in die Arme der Stewards, dennoch freundliche Gesichter; liefen Spießruten durch all die Passagiere, die schon saßen, die Bescheid gewusst hatten, die alles richtig gemacht und sich durchgesetzt hatten, ja doch, ja! Und die uns nun böse anschauten, weil wir den Start aufhielten, einige Minuten zwar nur, aber immerhin. 

Nie habe ich mich erlöster in einen Flugzeugsitz fallen lassen. Nie habe ich mich mehr danach gesehnt, überhaupt in so einen Airbus einsteigen zu dürfen! Als das bißchen tröpfelnde Salzwasser auf meinen Wangen versiegt war und allererste klarere Gedanken auftauchten, da fiel mir dieser gute Rat von jener weisen Frau ein: Man muss auch Hilfe annehmen; jeder braucht manchmal die uneigennützige und unkomplizierte Unterstützung anderer Menschen. Man schafft es nicht allein. Ich hoffe, die beiden Engel nehmen unsere Einladung zum Essen an. Ich würde sie gern wieder treffen. Danke, Mädels! Wer noch einmal etwas gegen die jüngere Generation sagt, der bekommt es mit mir zu tun. Aber hallo!

 

 

wozu denn ein Buch noch schreiben ...

06.05.2018, 12:13 Uhr

"Wieviel Bücher hat die Menschheit, und wie kurz ist so ein Leben, nur ein Bruchteil davon liest man dann. / Warum denn ein Buch noch schreiben, viele ungelesen bleiben, nicht zu reden davon, ob man´s kann ..."

Seit der Sänger Holger Biege dieser Tage gestorben ist, höre ich immer wieder seine Lieder, die mir seit meiner Jugend so vertraut sind, und auf die ich dank youtube jederzeit Zugriff habe, wenn ich will. "Sagte mal ein Dichter"; aus diesem Song stammen die oben zitierten Zeilen, die mir durch mein System gehen, jeden Tag nun. Es ist so wahr; und dies ist auch die Frage, die ich mir immer wieder stelle, oder soll ich sagen: Die sich mir stellt, ganz von selbst! Wie sollte es denn auch anders sein, wenn dies meine Berufung ist, und ich auch nicht weiß, wieso, wozu. 

Wozu denn ein Buch noch schreiben; den bereits vorhandenen, lieferbaren zwanzig ein weiteres hinzufügen? Es ist nicht gesagt, dass ich dann werde davon leben können, dass mich dann Leute zu erwachsen honorierten Lesungen bitten, dass Menschen die Buchläden stürmen, nur für dieses eine - von mir verfasste - Werk; aus einem seelischen Hunger heraus - nicht, weil "man es gelesen haben muss". 

Und den Literaturnobelpreis wird es dieses Jahr auch nicht geben! Ich versuche, das Positive daran zu sehen. Kann es sein, dass allmählich wirklich durchsickert, dass Kunst kein Wetterennen ist, kein weiteres Feld für kapitalistisches Konkurrenzgebaren? Bröckelt da was? Etwas, das auch ich begrüßen würde, gar? ...

Wie soll ich denn das wissen. Ja - "wie kurz ist so ein Leben"! Ich stimme Holger Biege zu. Und kann das Schreiben einfach nicht lassen, sogar, wenn es nur einem einzigen Menschen nützte, mein tägliches Schreiben, nämlich - mit Verlaub - mir. Es ist inzwischen mit Worten nicht mehr zu erklären, was dieses Tun für meine eigene Gesundheit schon gegeben hat. Letzte Woche stellte ich mein Tagebuch Nummer 47 in´s Regal, am nächsten Morgen fing ich Nummer 48 an. Und meine Tagebücher sind Vierhundert-Seiten-Wälzer, zusätzlich zu den Büchern, die ich veröffentliche; ich brauche sie und führe sie aus innerer Notwendigkeit immer weiter fort; aus eigenem Antrieb. An mir soll es also nicht gelegen haben, falls das, was ich zu sagen hatte, dereinst vielleicht von irgend wem gebraucht werden wird. 

So ist das. Ich jammere nicht. Ich sage jeden Tag Danke für das, was ich leben darf, und was ich als ein glückliches Dasein bezeichne. Wäre schön, wenn ich noch zu meinen Lebzeiten erfahren dürfte, dass wieder jemand aufmerksam wird; auf mein Werk, darauf, dass auch solche wie ich irgendwie bezahlt werden müssen; denn wir gehören ja auch dazu, zu dieser Gesellschaft, sind weiß Gott keine Außenseiter. Müssen wohnen, uns kleiden, teilnehmen. Wollen etwas beitragen und nicht aussteigen, nirgendwohin flüchten. Also! 

Ich bin schon weiter voran gekommen auf meinem Weg, als ich es je zu hoffen gewagt hätte. So wuchsen die Zuversicht, das Vertrauen. Und durch die, die vor mir Künstlerisches schufen, zum Beispiel dieser wundervolle Sänger Holger Biege. "Ja, so einfach sprach er aus das Wort, und nun lebt es in den Menschen fort / aber wie nur, wie nur, wie nur macht man es wahr ..."

Genau. Na - sag ich doch!