Gute Literatur erzählt für mich immer davon, auf welche Weise der Mensch sich dem Göttlichen nähert und welche Erfahrungen er dabei macht. Das ist mir eine niemals endende Faszination und Inspiration.

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ein heiliger, ein heilender Moment

04.08.2018, 10:29 Uhr

Lauter schöne Dinge haben dazu geführt, dass ich auf einer Straße lag und kollabierte. Nanu? Wie geht denn das? Ganz einfach. Wir wollten baden fahren, die kleine Enkelin war zu Besuch, mein Sohn auch; und ich liebte es. Ich liebe auch den Sommer und die Wärme. Mein Image sagt, das ist genau mein Ding, ich halte es aus, was kostet die Welt! Und dann, auf dem Weg zum Liepnitzsee in Brandenburg, an diesem herrlich strahlenden Dienstag in Familie, wurde mir auf einmal schlecht. Nicht, dass mir das unbekannt wäre; in vielen Autos während vieler Fahrten und Lebensphasen ist mir bereits übel geworden, ich neige dazu, weiß auch nicht warum, kann sein, dass meine Seele spricht, weil sie stark verlangsamt leben will, ganz gegen den Geist dieser Zeit oder motorisiertes Tempo oder wie auch immer. Weiß nicht. Weiß nicht, weiß nicht, weiß nicht. Und kannte mich ganz anders. Wie auch immer.

Jedenfalls, wir wollten gerade die Stadt verlassen, dieses ewige Stop and go bei vierzig Grad im Schatten beenden; gleich sind wir auf der Autobahn, dann wird es leichter, sagte der Fahrer, mein erwachsener Sohn. Und dann - ich bat ihn, anzuhalten. Es ging einfach nicht mehr, allen guten Gegenübungen zum Trotz. Das war anders als sonst, spürte ich; mehr als die übliche Reisekrankheit. Erst saß ich auf einem Mäuerchen, dann legte ich mich lang. Mein Herz raste, alle Energie verließ mich aus den Füßen hinaus, Millionen Ameisen wuselten durch meine Venen. Ich hatte nichts mehr unter Kontrolle, so gekonnt ich auch atmen wollte, wie ich es im Yoga gelernt hatte; so sehr ich mich auch zu beruhigen versuchte. Kaltes Wasser, Beine hoch, liebevoller Zuspruch; ich wollte ja, aber ich konnte nicht. Oh je, und nun den anderen den Tag verderben!! Das doch schon gar nicht! Aber ich kam nicht mehr hoch. War mir noch nie passiert.

Plötzlich hielt ein weißer Transporter neben mir. SMH. Schnelle Medizinische Hilfe. Niemand hatte sie gerufen, sie erschien einfach. Zwei Pfleger sprangen heraus, traten zu mir heran. Schon hatte ich Sauerstoff, der meinem Blut fehlte. Schon wurde mein Puls gemessen (sprang hin und her, hoch und runter, wie verrückt). Schon hielt eine so gar nicht fremde Hand die meine; Augen sahen mich mitfühlend an. Wo kommen die her?, dachte es in mir. Jetzt glaube ich wirklich an Gott, kam gleich danach. 

Um es kurz zu machen; sie brachten mich in eine Klinik, ich wurde durch gecheckt und nach ein paar Stunden entlassen. Alle messbaren Werte okay. Aber was war das denn dann? Habt ihr eine Antwort darauf? Für mich ist es eine seltsame Übung, mich meiner eigenen Verletzlichkeit zu stellen; nicht nur in dichterischen Worten, sondern ganz direkt, in echt. Es ist heilsam, fällt mir einige Tage danach auf; heilsam, obwohl ich mir Heilung geschmeidiger wünsche, nicht so schmerzlich. Alles loslassen. Auf Zuwendung angewiesen sein, sie annehmen müssen. Angst haben um das eigene Leben; "und wenn es nun doch ein Herzinfarkt ist? Wenn ich mir die ganze Zeit etwas vormache über den Zustand meiner eigenen Gesundheit?" ... Nein, mache ich nicht. Höchstens über den Zustand meiner eigenen Stabilität. Ja doch; ich bin schwächer, verwundbarer, als ich manchmal meine. Ich neige dazu, den Helden zu spielen; zu funktionieren. "Schonen Sie sich", hörte ich auf der Rettungsstation. Ja, gut. Aber verdammt; wie geht denn das?

Es kann schnell gehen. Den Satz kennen wir alle. Das Erleben dazu ist ein anderes Thema. Jemand, den ich kannte, sagte immer wieder, Gott wirke durch Menschen, darum sollten wir alle gut aufeinander achten. Ich hoffe, diese beiden Männer sind von oben gesegnet; diese Pfleger, die im rechten Moment aus ihrem SMH-Van sprangen und für mich da waren, als ich es am meisten brauchte; die sich nicht vertreiben ließen, die einfach bei mir blieben und mit mir sprachen, mir nicht weh taten, mich streichelten, meine Hand hielten, mich ganz vorsichtig auch noch um die letzte Kurve transportierten und auch dann nicht von meiner Seite wichen, als ich auf die Krankenhausliege gehievt wurde und mich fürchtete. "Ab hier kann nichts mehr passieren", sagte der eine von den beiden und strich mir immer noch über die zittrige Hand. "Ich lebe doch so gerne", sagte ich ihm, zusammen mit allerlei wirrem Zeug, das mir so durch den Kopf schoß. Ich weine. Und ich liebe euch, ihr Leute. Kenne nicht mal eure Namen, aber ich hoffe, es geht euch gut. Fortsetzung folgt ...

PS: Man muss tief eintauchen, um das Mysterium zu erfahren. Ein Neunzigjähriger sagte bei meiner Entlassung aus der Parkklinik Weißensee lächelnd zu mir: "Passen Sie gut auf Ihre Gesundheit auf. Achten Sie auf sich. Dann brauchen Sie auch keinen Arzt." Das kann man auf vielen Ebenen hören, oberflächlich, nickend, wissend - oder völlig neu. Es liegt ganz bei mir. Danke für die Einsicht. Aber hallo!

Noch am Leben: Eure Katrin aus der Schreibwerkstatt. :-)

 

 

Friedenstaube gesichtet

24.07.2018, 12:01 Uhr

Ich habe eine Friedenstaube gesehen. Wirklich! Sie saß auf einer Stromleitung, die durch die Gärten führt; von meinem Berliner "Dorf" ins Nachbardorf. Gestern bin ich da entlang spaziert, und da sah ich sie. "Hallo", rief ich zu ihr hinauf, "bist du tatsächlich die Friedenstaube, wie ich sie seit Kindertagen kenne?" Sie nickte und drehte ihren Kopf ein wenig zu mir herunter, den Zweig mit einer Verästelung und einem grünen Blättchen daran behielt sie fest in ihrem Schnabel. Ich hätte sie so malen können, wenn ich malen könnte, und jeder hätte sie erkannt. "Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land ..." Kein Zweifel. Sie war es. Und ich habe mich kaum über ihr Erscheinen gewundert; sie wird ja schließlich gebraucht. Oder etwa nicht!

Die Haut der Zivilisation ist dünn, das spüre ich in meiner Großstadt allerorten. Es hat manchmal keine Konsequenzen mehr, wenn man sich Luft macht, auf erschreckend rüde Weise. Ich muß das nicht erläutern; jeder weiß, was gemeint ist; und ich bin froh, irgendwann gelernt zu haben: Fang bei dir selber an. Nur dich kannst du ändern - und dann ändert sich die Welt um dich herum. Worte! Während ich sie aufschreibe, ist mir schon klar, wie sie mißverstanden werden können. Das ist eine echte Crux! Reflexartig reagieren andere auf Reizworte - ohne auch nur ein Fünkchen der Überlegungspause: "Moment mal ... - was hat sie hiermit eigentlich genau gemeint?!"

Damals, in meinem Journalistikstudium, habe ich gehört, dies sei das "Geheimnis menschlicher Kommunikation": Die eine Hälfte der Menschheit drücke sich falsch aus - und die andere Hälfte mißverstehe das. Damit muß man leben - und es trotzdem immer wieder versuchen, mit dem Dialog, diesem mysteriösen Miteinander-Reden. Wenn ich könnte, würde ich auch auf Worte verzichten; würde andere Zeichen gebrauchen, die sofort verstanden werden; aber welche könnten das nur sein? Ein Lied singen? Eine Musik schreiben? ...

Vielleicht eine Friedenstaube malen. Abmalen. Denn sie ist ja da.

 

 

Staub wischen auf meiner Seele

09.07.2018, 11:55 Uhr

Ich bin weiß Gott nicht die allergrößte Hausfrau. Putzen ist eher nicht mein Ding, Staub wischen schon gleich gar nicht. Als ich es zuletzt heldenhaft anpackte und ausführte, meinen Staublappen aus dem Fenster meiner Werkstatt ausschüttelte, da grüßte von draußen eine Nachbarin freundlich und sagte: "Ich würde es lassen. Man kämpft auf verlorenem Posten." Ganz meine Rede! Diese liebe Dame erschien mir wie eine Botin; wie die Stimme des Allerhöchsten selbst. Seitdem - nun ja. Ich tue, was ich kann. Sagen wir mal so. Ich gebe mit Sicherheit mein Allerbestes; wie unperfekt auch immer es sein mag. Personal stelle ich aber auch nicht ein. Nö, nö.

Worauf ich allerdings nicht verzichten kann, das ist das Staub wischen auf meiner Seele. Leute! Da hat sich ja was angesammelt - wenn man, wie ich, schon eine Weile auf der Erde leben darf. Meine Güte! Wenn einem das ganze Ausmaß erst bewußt wird!!! All diese "do´s" und "do not´s" - tu dies und tu das nicht -, all diese scheinbar festen Wahrheiten, woher wohl etwas kommt und ein anderes nicht kommt, oh je! Will ich das alles wirklich bis zum Ende mit mir herum schleppen? Und wenn nicht - wie werde ich es los? Werde wieder frisch und jungfräulich (nein, nicht SOOOO ...) und frei und aufnahmefähig für etwas anderes, neues und vielleicht besseres, ja doch, ja! Wie soll das gehen? Werden die Leute eigentlich krank und vergesslich daran, dass sie genau das nicht schaffen; die ganze Last fröhlich abzuwerfen und weiterzugehen ohne sie?

Was mich angeht, zum Beispiel, so darf ich eine echte Liebe leben, mitten im Alltag, hier und jetzt. Und da kommt mir manchmal etwas in die Quere, das von innen kreischt und auf eine Barrikade steigt. Mein Liebster kennt das schon. Da holt etwas tief, tief Luft in mir und hält eine Rede und will gegen irgend etwas aufbegehren, das es schon längst nicht mehr gibt. Es ist verrückt! Da meint eine alte Instanz in mir, hier liefe etwas verkehrt, und sie meint zu wissen, wie es hätte zu laufen müssen, wenn es "richtig" liefe, ihrer Meinung nach und wenn die Welt in Ordnung wäre und ich mittendrin auch; wenn nicht alles so "falsch" und gegen den Baum ginge ... - ach, ja. Mann!

Auch daraum schreibe ich. Weil ich erstens gar nicht anders kann; und weil die Dinge zweitens, wenn ich sie erst auf Papier gebracht vor mir sehe, eine andere Gestalt annehmen beziehungsweise ihre bisherige Gestalt enthüllen und - so nackt da stehend - sich zeigen in ihrem ganzen Wahnsinn. Das ist alles nicht schlimm; ich schade je niemandem damit. Es dient mir zur eigenen Erhellung, zu meinem Glück. So ist das. Leute, danke für eure Aufmerksamkeit; aber ich muss jetzt aufhören, ich habe alle Hände voll zu tun: Auf nehme ich den geistigen Staublappen; los wedele ich ihn durch meine inneren Verkrustungen. Hey, was für ein Spaß! Da bleibt kein Körnchen auf dem anderen, frischer Wind kommt herein. "Hallo", ruft die Nachbarin. "Sie sehen aber anschauenswert aus heute wieder. Kommen Sie mal heran; ich möchte Sie besser in Augenschein nehmen können!" Lieber Gott, lass mich nicht aufgeben. Nie. Bitte und danke, lieber "Baum" (der Baum ist einer meiner Vertreter des Großen Ganzen auf Erden; in einigen meiner Bücher habe ich bereits darüber geschrieben).

Eure Katrin, bei der Arbeit. Wo sonst.