Das Leben unter den Menschen
ist ein ständiges Spiel zwischen Distanz und Nähe.
Ich darf da keine Perfektion von mir erwarten.

Neuigkeiten


eine Damenrunde

01.11.2018, 09:42 Uhr

In einem Café in Thüringen, wo es am verwunschensten ist, fand ich eine Damenrunde der köstlichsten Art. Sechs Ladies kloppten miteinander am runden Stammtisch irgend ein Kartenspiel, das ich nicht kenne und verströmten eine Aura, in der ich mich sofort herzlich wohl fühlte. Der Kater Paul saß dabei, schaute durch ein großes Fenster nach draußen auf einen gähnend leeren Platz am Feiertag. "Du redest, als seist du schon hundert", maulte eine die andere an. "Na ja, meine Knochen sagen das manchmal", kam die Antwort sofort. Ich weiß nicht, wie viele Lebensjahre dort beisammen hockten, und es war auch egal. Es spielte schlicht keine Rolle; darüber waren sie unbekümmert hinaus. Sie waren, wie sie waren und brauchten keine Tünche. Sie hatten keine Angst vor Konflikten; das wurde mir klar, als ein Streit ausbrach. Man konnte sich nicht einigen, wer zuletzt "gegeben" hatte, wer also nun damit dran sein sollte. "Ich stehe gleich auf, ziehe mich an und gehe", drohte die eine. "Du bist schon wie die Politiker!", wurde sie ausgeschimpft. "Wenn es schwierig wird, zurück treten. Bloß nichts aushalten, zur Abwechslung." "Bin doch keine Politikerin!", verteidigte sich die so Geziehene, und ihr entfuhr das böse "A"-Wort. "Da sitzt ein kleines Kind am Nebentisch", folgte die Ermahnung sogleich. "Und du gebrauchst Kraftausdrücke." Da lehnten sie sich zurück, schauten zu mir und meiner aufmerksamen Enkelin herüber; wir schütteten uns alle aus vor Lachen und waren eine einzige Gruppe, ein Herz und eine Seele. Altersunterschiede gab es nicht, in diesem Augenblick. Kartenspiel, Kakao oder Kännchen Kaffee; hin oder her. Acht Mädchen sprühten miteinander Funken. Dem Kater Paul wurde das alles zuviel. Er trollte sich, fand sicher ein ruhigeres Plätzchen auf dem Hof.

Für mich war diese Damenrunde wie eine Antwort des Lebens auf meine ungestellte Frage. Hatte ich mich nicht selbst erst kurz zuvor (und davor - und vorher auch) aus meinem Anzug treiben lassen; war explodiert, wieder einmal, und nur der Thüringer Wald mit seinen Sträuchern und Bäumen könnte ein Lied davon singen; der Geliebte sowieso - und die Berliner Straßen ebenfalls ... ?! ... Ich lasse das enge Kostüm der Konventionen zurück. Ich platze aus allen Nähten. Und anstatt mich da wieder hinein maßschneidern zu lassen, erkunde ich nun lieber das weite Land dahinter. Diese Kartenspielerinnen weisen mir den Weg, und er gefällt mir. Kann sein, dass es auch der Enkelin eines Tages nützt. Oma sein ist eine Verantwortung und ein frohes Lied auf meinen Lippen. 

 

 

aus meinem Tagebuch

16.10.2018, 11:52 Uhr

Zu den größten Herausforderungen meines Alters gehört es, den Kopf leer zu machen, ohne dement zu werden. Das schrieb ich, nachdem es mir tatsächlich gelungen war, eine weitere alte Hirn-Blockade loszulassen und mich fröhlich darüber hinweg zu setzen, direkt auf seine Wolke. Irgendwann hatte er eine meiner langen Haarsträhnen zweimal um seinen großen Zeh gewickelt; und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ihm das wohl gelungen sein mag. Aber zurück zu meinem anfänglichen Gedanken. 

Wie wirft man die angesammelte Last ab? All das Gedenke, das schon längst nicht mehr stimmt. Was ich einst erlebte, und wie ich es damals interpretierte; was ich daraus zu lernen geglaubt habe, und wie es sich später relativierte ... Ach! Wie vergibt man sich selbst, nachdem man schon eine Weile über den Erdball gewandelt ist, und weiß Gott nicht immer nur gelustwandelt, nein, nein. Ist es möglich, das Heute nicht länger aus der Vergangenheit heraus zu interpretieren; in jedem einzelnen Jetzt-Moment ein frisches Wesen zu sein, das staunend um sich blickt wie die Lütten aus ihren Kinderwagen? Alles neu. Nichts wie früher. Eine immerwährende Überraschung.

Das wäre schön. Aber einfach finde ich das nicht. Mir scheint, ich stecke mitten in einer Art Übergangsphase. Sie ist dadurch geprägt, dass es in meinem Gewohnten plötzlich an allen Ecken und Enden knirscht, kneift, rubbelt. Manchmal erinnere ich mich an Alice im Wunderland, der Decken und Wände ihres Zimmers zu eng wurden. Hilfe, ich wachse! Kann das denn so sein? Ja, das kann. Und wie! Konflikte ziehen ein. Konflikte mit Menschen, denen ich doch eigentlich wohl gesonnen bin - und sie mir, wie ich meinte. Sätze tauchen auf; Gehörtes, Gelesenes. Von Problemen, die du nicht lösen kannst, musst du dich selbst lösen. "Als ich mich selbst zu lieben begann ...", da hörte ich auf, mich vor Reibereien zu fürchten, "denn auch Sterne knallen manchmal aufeinander, und es entstehen neue Welten." Ja. Ja, ja, ja. Das gefällt mir, wenn neue Welten entstehen. Und ich mittendrin. Frisch und neu.

Und noch etwas taucht auf. Ein Liedtext. "Das ist der einfache Frieden, den schätze nicht gering. Es ist um den einfachen Frieden seit Tausenden von Jahren ein beschwerlich Ding." Manches will eben doch bewahrt werden - und nicht gelöscht aus diesem Hirn-Computer da oben in meinem Kopf. Danke, Gisela, für das schöne und immer noch aktuelle Lied.

 

 

auf dem Balkon sitzen, den Wandel beobachten

22.09.2018, 10:06 Uhr

Gestern habe ich das getan: Ich saß auf dem Balkon meiner, unserer Wohnung und hielt bewusst ganz still. Ich wollte den Wetterumschwung sehen, von dem die Meteorologen gesprochen hatten, und an den ich bei meiner Mittagsrunde noch nicht recht glauben konnte. Dreiunddreißig Grad Celsius, die helle Sonne strahlte in jede Zelle meines sommerlich leicht bekleideten Körpers. Der Metzgermeister, der das Mittagessen ausfährt und zugleich nach den alten Leuten schaut; manchmal auch eine schnelle Hilfe rufen muss; dieser freundliche Mann rief mir wie immer etwas Nettes zu: "Na, heute wieder unterwegs! Ach ja, in zwei Stunden soll es ja kalt werden. Ich glaube nicht daran." Ich auch nicht. Keiner glaubte so recht daran. Wie soll man sich das auch vorstellen, so einen Wandel, wenn einen ringsum die Sonne wärmt und man unter den Friedhofsbäumen Schatten sucht, so wie ich.

Und dann saß ich da auf meinem Posten, wie ich den Platz auf dem Balkon nenne, weil ich jeden Tag zur selben Stunde nachmittags dort droben auf meinen Gefährten warte. Nun entging mir nichts vom Umschwung: Die erste leichte Brise, das Dunklerwerden am Himmel, das erste Frösteln vielleicht - so, dass man die Schultern zusammen zieht und schnüffelnd Witterung aufnimmt. Soll ich mir jetzt schon eine Strickjacke holen? Genügt ein Tuch, fürs erste? ... Bald baute ich den Sonnenschirm ab, ohnehin zusammengeklappt, aber nicht, dass er erst noch nass wird. Unter mir verzogen sich sie ersten Kaffeehausgäste nach drinnen. Blätter fielen, gar schon Tropfen? ...

Plötzlich sah ich Geister auf meiner Straße. Die Malerin radelte wie selbstverständlich auf ihrem schwarzen Drahtesel vorbei. Die Nachbarin erschien überbeladen mit Blumen, ihr Mann schüttelte den Kopf und grüßte mich von gegenüber. Die alte Dame rief irgendwem zu, dass sie die Vögelchen weiter füttere, auch wenn manche Jüngere sie deswegen kritisieren und den Lärm anmahnen, den die tschilpenden Spatzen veranstalten. Vogelgezwitscher! Wer sich daran störe!! Hundebesitzerinnen bildeten ein Grüppchen an der Ecke und besprachen die jüngsten Kiezneuigkeiten. Und sie alle, alle besuche ich inzwischen jeden Tag auf dem Stück begrünter, blumengeschmückter Erde, um das ich meine Runden drehe. So viele Menschen bestimmten vor kurzem noch das Bild meines Berliner Dorfes. Und nun sind sie unsichtbar geworden; in ihren Wohnungen leben andere, junge Familien mit süßen Babies, die in Rekordzeit, wie mir scheint, das Laufen erlernen und so. Sie werden ebenfalls Balkone bepflanzen, vielleicht Vögel füttern, Hunde ausführen - und mit den nächsten Nachbarn Klatsch austauschen. Nicht nur das Wetter wandelt sich. Man muss bloß hinschauen.

Tatsächlich, zwei Stunden später war es kalt, und wir hatten eine andere Jahreszeit. Als ich auf einen Bus wartete, in Regenjacke und langer Hose, da hasteten Leute vorbei in ihren Sommerstöffchen. Einige waren noch nicht dazu gekommen, sich wärmer anzuziehen; sie zeigten in ihren outfits die gerade zu Ende gegangene Endloshitze. Der Wandel ist eingetreten. Die Meteorologen haben sich nicht geirrt. Und eines Tages wird ein Mensch auf meinem Posten sitzen und hinunter schauen in diese kleine verwunschene Straße; und er wird mich nicht kennen. Aber noch bin ich hier. Ich kann noch etwas tun. Das tröstet. Sehr.

Eure Katrin, veränderlich ...