Früher sagte ich: "Da habe ich eine Sendung drüber gemacht." Heute sage ich: "Da habe ich ein Leben drüber gemacht!"

Neuigkeiten


Einerseits und andererseits

18.03.2020, 14:48 Uhr

Einerseits denke ich, in solchen Zeiten möchte ich lieber schweigen. Andererseits steht nun zuletzt hier an dieser Stelle ein eher launiger Eintrag, der mir so gar nicht mehr zu passen scheint. Also sollte ich etwas sagen; zu diesen Zeiten, in denen ein Virus uns alle beschäftigt. Ich habe aber nichts zu sagen, nichts aus dem Kopf, nichts aus meinem bisherigen Wissen, nichts aus Argumentationsketten, die ja doch nicht gelten. Oder die morgen schon überholt sein werden. Also ist es das Nichtwissen, das ich aushalten muss? Innerer Klugscheißer, für immer adé?? ... 

Ich weiß es doch auch nicht. Eine gute Zeit, um im Heute zu leben, im Hier und Jetzt - und mich solidarisch mit anderen zu verhalten. Ich umarme sonst gern und oft; nun halte ich den empfohlenen Abstand ein und blicke statt dessen tief in Menschenaugen. Versuche, keinen Moment zu versäumen, in dem ich einen Gruß zu rufen kann. "Bleiben Sie schön gesund!", "Genießen Sie die Sonne!", "Viel Kraft und Mut Ihnen!" (an die, die für die Versorgung der Bevölkerung zuständig sind) Freunde sagen, sie schauen mit Absicht auf Positives; dass mehr Ruhe herrscht, dass der Frühling da ist, dass man ja mit der Oster-Deko anfangen könnte. Stimmt! Ich habe einen großen grünen Osterhasen aus Sperrholz in mein Fenster zur Straße gehängt; vielleicht freuen sich ja die Kinder darüber, die unfreiwillig Ferien haben. Oder mein Nachbar, der Café-Besitzer, schöpft ein wenig Zuversicht - und wenn er nur kurz lächeln muss. Solche so genannten "kleinen" Dinge kommen mir gerade wieder enorm wertvoll vor!

Warum bin ich kein Maler, dann könnte ich jetzt etwas auf eine Leinwand bannen, anstatt Worte verwenden zu müssen, die mir dürr vorkommen. Natürlich fülle ich wie immer mein Tagebuch am Morgen. Natürlich gehe ich raus und wandere durch meine Stadt. Natürlich habe ich zu essen, ein Telefon, das funktioniert, einen besten Freund, der jeden Nachmittag nach Hause kommt, und mit dem ich sogar verheiratet bin. Alles selbstverständlich? 

Vielleicht gehen wir in neue Zeiten. Ich weiß es nicht. Es steht nicht im Hier und Jetzt geschrieben; es muss erst gelebt werden. Bleiben Sie / bleibt ihr bitte schön gesund. Ich wünsche mir und euch Besonnenheit. Ist eigentlich der Gelassenheitsspruch schon allgemein bekannt? "Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden." Om Shanti. Amen. Drushba, Freundschaft. Oder wie auch immer Sie es sagen würden. Die Worte sind egal. Auf den Sinn kommt es an.

 

 

Dämonen

17.02.2020, 12:24 Uhr

Heute Morgen war plötzlich die Kaffeemaschine kaputt. Die rote Lampe am Einschalter leuchtete, aber das vertraute Schnorchelgeräusch, das auf den Durchlauf ersehnter Flüssigkeit hin deutet, blieb aus. Nanu? Es passierte - nichts. Und ich fragte mich, ob gestern vielleicht doch ein Dämon unterwegs gewesen war, der nun in einer Ecke hockt und kichert. Ich hatte so ein Gefühl. Warum sonst der Zwist, wo normalerweise nur Liebe herrscht! Und nun auch noch der Kaffeeautomat! Seufzend betätigte ich den Wasserkocher, schaufelte Kaffeepulver um und trank meinen Muntermacher eben "türkisch". Dafür brauche ich mehr Geduld als sonst, türkischer Kaffee will beim Zubereiten zelebriert werden, und er bleibt länger heiß in der Tasse. Aua aua auf der Zunge. Also Vorsicht! 

Früher habe ich meinen Kaffee - falls ich mir welchen leisten konnte; Bohnenkaffee namens "Mocca Fix" aus der goldbraunen Tüte - ja nur so getrunken. Türkisch. Kaffeemaschine besaß ich erst später, als ich schon meine zweite eigene Wohnung hatte. Ich denke an eine frühe Arbeitsstelle, an eine mir vertraute Küchenfrau. Sie zeigte mir, wie man ihn richtig aufbrüht, den Türkischen. Kochendes Wasser, zuerst den Bodensatz damit nur vorsichtig benetzen. Ebenso zartfühlend umrühren, dann warten. Das Pulver soll in dieser Phase quasi aufblühen, sein Aroma freiwillig entfalten. Dann - nach gebührender Pause - der nächste Schwall. Siedendes Wasser, und nun füllt man seine Tasse bis zum Rand. Pusten, den entstandenen Schaum an der Oberfläche mit dem Löffel kreisen lassen, hinsetzen, in sich hinein sinnen. Ist die Flüssigkeit soweit abgekühlt, dass man das gefahrlos wagen kann, die Lippen an den Rand der Tasse setzen und den ersten Schluck schlürfen. Ahhh ... Kaffee! In seiner besten Form. Eine Meditation. Ein Ritual.

Leider zeigte diese Dame mir auch, wie man die Wartezeit noch füllen kann, nämlich, indem man ein geistiges Getränk zu sich nimmt. Ich will sie nicht beschuldigen; sie konnte nichts dafür. Wenn ich mich recht erinnere, verstanden wir uns gut. Mag sein, dass mein inwendiges rotes Lämpchen ebenfalls aufleuchtete - ich beachtete es jedoch nicht. Der Dämon, der mich in seinen Krallen hielt, musste schon andere Geschütze auffahren. Aus roten Lämpchen wurden - um im Bild zu bleiben - warnende Signalfeuer; wahre Scheiterhaufen. Aber dann! Gott sei Dank. Was kaputt war, durfte wieder heilen. Und Kaffeemaschinen sind heute auch nicht mehr teuer. Ich werde sogleich los ziehen und eine neue erstehen. Oder bleibe ich beim Zeremoniell? Spiritus contra Spiritum? (Autorin schmunzelt)

 

 

Ein Kind gehört niemandem!

13.02.2020, 09:32 Uhr

Gestern Abend - ein aufwühlender Film in der ARD: "Weil du mir gehörst". Ein Elternpaar kämpft erbittert um sein Kind. Ein Vater wird systematisch aus der Familie ausgeschlossen, verunglimpft, vor Gericht gezerrt. Das kleine Mädchen, die Tochter, wird dabei seelisch zerstört; keiner von beiden scheint es zu bemerken. Eine Maschinerie läuft an; eine Maschinerie aus Ämtern, Anwälten, Gutachtern, die eigentlich beschützen soll, das Ganze aber noch mehr befeuert. Es ist kaum auszuhalten, das mitanzusehen; fast minutiös zu sehen und zu spüren, wie die Kleine manipuliert wird, verwirrt, missbraucht - und am Ende überhaupt nicht mehr weiß, was sie selbst eigentlich fühlt, was sie will oder nicht will, unabhängig von der Erwachsenen. Es ist zu spät. Nicht nur, dass diese Eltern ihr Kind längst verloren haben - und es auch mit Geschenken nicht zurück gewinnen können. Nein, dieser junge Mensch hat sich selbst verloren; und das ist fürchterlich, die Hölle! Das Mädchen im Film, noch nicht zehnjährig, beginnt, sich selbst zu ritzen, pullert ein, wird auffällig - und keiner sieht es. Diese so genannten Erwachsenen sind mit sich selbst beschäftigt und dem, was sie für richtig halten. Es ist mir schrecklich, aber auch auf neue Weise läuternd, das so mit anzusehen. Ich bin den Fernsehmachern dankbar für diesen Film, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie die Wahrheit erzählen. Geschichten gleichen sich nie aufs Haar; aber Prozesse in Menschenwesen schon. 

Eine Elfjährige steht im Chor auf einer Bühne und kann vor Weinkrämpfen nicht singen. Unkontrollierbar fließen ihr die Tränen, sie muss aus der Schule genommen werden. Warum greift keiner ein? Bleibt alles in der Familie ... Es geht in die Hose. Sie frißt und kotzt. Sie beginnt zu trinken. Clara Felder, "Das schwächste Glied". Mein erstes Buch. Damit war es nicht getan. Damit fing es weiß Gott erst an! Ich weiß, wie lange es dauern kann, die Fäden wieder zu entwirren, die Verstrickung zu lösen. Sich selbst wieder zu gewinnen, nachdem man so verloren war. Ein lebenslanger Prozess, eine Mühe. Die sich aber lohnt. So viel kann ich sagen. Es gibt einen treffenden Text, den möchte ich hier anfügen (was ich selbst zu sagen hatte und noch haben werde, steht in meinen Büchern). Also hier der Text:

Als sie lachte


sagte man ihr, sie sei kindisch.
Also hörte sie auf zu lachen.
 
Als sie liebte,
sagte man ihr, sie sei zu romantisch.
Also hörte sie auf zu lieben.
 
Als sie reden wollte,
sagte man ihr, darüber spreche man nicht.
Also lernte sie zu schweigen.
 
Als sie weinte,
sagte man ihr, sie sei zu weich.
Also hörte sie auf zu weinen.
 
Als sie schrie,
sagte man ihr, sie sei hysterisch.
Also hörte sie auf zu schreien.
 
Als sie anfing zu trinken,
sagte man ihr, sie brauche eine Therapie.
Also machte sie eine Therapie.
 
Als sie wieder draussen war,
sagte man ihr, sie könne jetzt von vorn anfangen.
Also tat sie, als begänne sie ein neues Leben.
 
Als sie ein Jahr später
sich versteckt zu Tode gefixt hatte,
sagte man gar nichts mehr
und jeder für sich versuchte
leise das Unbehagen zusammen mit den Blumen
ins Grab zu werfen.

*

Man weiß es später nicht mehr, was eigentlich ist, was war. Viele fragen sich dann: Was hat sie oder er denn nur? Sie hatte doch alles, es gibt doch keinen Grund, sich selbst so zu zerstören! Wie gesagt, es dauert Jahre. Jahrzehnte. Ein langer Prozess hinein; ein langer Prozess wieder heraus - heraus, wenn man Glück hat und sich die richtige Hilfe suchen kann. Zurück zu dem oben erwähnten Film, der mich tief berührte: Die hoffnungsvolle Figur darin ist für mich ein weiser Richter (die ganze Zeit über dachte ich beim Schauen: Gibt es denn keinen einzigen Erwachsenen, der tiefer hinsehen kann? Der erkennt, was da wirklich vorgeht, in dem Mädchen, in dieser Familie?). Er ist der Einzige, der ein "Macht"wort spricht und diese Eltern dazu verdonnert, sich erst einmal selbst Hilfe zu suchen, um ihr Kind nicht noch weiter kaputt zu machen. Ob es nicht schon längst zu spät ist; ob die Kleine nicht schon für lange Zeit "zu" gemacht hat, das sei dahin gestellt ...

Ich wiederhole es: Danke für so einen Film! Dafür lohnen sich meine Gebührengelder. Absolut.