Ich sage nicht unbedingt etwas Neues. Manchmal bin ich nur eine weitere Stimme, die etwas längst Bekanntes wiederholt.

Neuigkeiten


kein Sendungsbewusstsein mehr

11.10.2021, 17:39 Uhr

Mein Sendungsbewusstsein ist weg. Wenn ich das schon schreibe! Dann ist wohl doch noch welches da, vermute ich. Auf jeden Fall bin ich noch da, und ich tue im Verborgenen auch immer noch meinen Dienst. Vielleicht lesen das eines Tages meine Enkel oder Urenkel, wer weiß. Im Moment geht es nur ums Schreiben. Und ich bin mein erster Leser; ich habe unmittelbaren Gewinn davon.

So ist das.

Ansonsten - die vielen Augenblicke, in denen ich Freude sah in anderen Gesichtern; einfach, weil wir alle noch da sind und einander wiedersehen: In der Sauna, im Kino, im griechischen Restaurant, wo auch immer; eben an solchen Orten, an denen es nicht mehr selbstverständlich ist. Noch da sein. Welch kostbarer Zustand! 

Fortsetzung folgt - vielleicht. Wenn ich schweige, sucht mich am Schreibtisch. (Oder in der Sauna, im Kino, auf Kreta ... - oder bei den Enkeln.)

 

 

Riesenrad

16.01.2021, 14:42 Uhr

Jetzt bauen sie im Plänterwald das große Riesenrad ab und seine Gondeln, rot, gelb, blau, grün, stehen fein säuberlich in Reih und Glied am Boden. Entzaubert. Ernüchternd. Nur noch bunt angestrichenes Metall. Bald geht es wohl auch dem rund aufragenden Gerüst an den Kragen. Ich staune, wie schnell das funktioniert. Schrauben drehen, die doch Jahrzehnte hielten, Gestänge abmontieren; und schon ist alles in seine Einzelteile zerlegt. Vierzig Gondeln, Symbol damals für vierzig Jahre DDR. Berühmtester Kulturpark. Ja, ja.

Sie sagen, sie werden das Wahrzeichen wieder aufbauen, jenes Riesenrad, das man schon auf Bahnhöfen bei Ankunft in der Hauptstadt sehen kann. Konnte. Aber sie haben schon so viel gesagt. Mag ja sein, dass das an mir liegt, aber ein nörgelnder Fatalist in meinem System sagt: Weg ist weg. Abgebaut ist rascher als wieder aufgebaut. Dieser Teil von mir zweifelt. Immer!

Nun ist also auch meine Geschichte aus „Stadtstreicherin 1“ Historie. „Magischer Spaziergang“, heißt der Text; und in seinem Untertitel: „Saurier, Schwäne und ein stilles Riesenrad“. Bei Lesungen habe ich mein Publikum damit oft das Gruseln gelehrt, weil ich mir vorstellte – und dies auch mit düsterer Stimme zu Gehör brachte, na aber sicher doch! -, dass ganz oben in der allerhöchsten Gondel jemand vergessen worden sein könnte, seit der Rummelplatz nicht mehr betrieben wurde. Wie er jetzt wohl aussehen mag? Er oder „Es“ muss sich verändert haben, sonst könnte er nicht überdauert haben. Und ich „sah“ ein Unaussprechliches dort heraus schauen, ach! Meine Phantasie!! Und nun liegt alles offen im Licht des Wintertages. Kein Mutant, kein Gespenst. Von schaurigen Gestalten keine Spur.

Ein Zeichen der Vergänglichkeit. In meinem Alter muss man damit klarkommen, sie mehren sich, diese Zeichen. Und niemand, nichts kann ein Verlorenes wieder zurück holen; geb´s Gott, dass mir wenigstens mein Gedächtnis lang erhalten bleibt. Wobei - war es nicht Hildegard Knef, die gesagt haben soll, Glück, das ist unter anderem ein schlechtes Gedächtnis? Andererseits, ich kenne einen klugen Mann, der immer wieder betonte, "lass uns schöne Erinnerungen erschaffen". Und nun, in lockdown-Zeiten zehren wir auch davon: Von all diesen Momenten, Essengehen in Restaurants, Familienfesten unter Bäumen, Saunagängen in Hotels ... Kulturparkvergnügen, ja, auch die. Ich träume sogar davon. Die Bilder sind in mir. 

Währenddessen findet mein Leben statt. Gerade komme ich von einem Spaziergang an der Spree zurück, aus der Küche duftet es nach Blumenkohl und Pellkartoffeln. Das Vergangene hat mich geformt, die Zukunft kennt kein Mensch. Wohl dem, der im Heute leben kann oder sich wenigstens darauf besinnt, dass das der Stein der Weisen ist. So denn - ich übe.

 

 

Kein Sommerloch!

20.07.2020, 11:41 Uhr

Mir fällt auf: Es gibt dank Corona kein mediales Sommerloch in diesem Jahr. Irgendwas ist immer; eine Nachricht ist es immer wert, das Virus und seine ansteckende Verbreitung oder auch nicht Verbreitung. Wir drehen uns um Krankheit und Gesundheit. Was ja nicht schlecht sein muss. Nein, überhaupt nicht. Und auch wieder - doch. Ach! 

Wir gehen in irgend ein Unbekanntes. Der Zustand ist mir vertraut. Aber so - in dieser Ausformung - habe ich ihn auch noch nicht erlebt. Ein Virus geht um die Welt und verändert alles. Manchmal stelle ich mir vor, ich hätte im Koma gelegen für - sagen wir - ein Jahr und würde jetzt aufwachen. Ungläubiges Staunen, wenn ich nur die "Tagesschau" ansähe und die üblich eingeblendeten Politikerkonterfeis - alle maskiert! Was soll denn das, würde ich denken. Hat sich da jemand einen schrägen Scherz erlaubt? Demonstrationen, bei denen der Mund-Nasen-Schutz polizeilich kontrolliert wird -, und galt nicht eben noch genau das Gegenteil: Vermummungsverbot?!!

Ich würde mich nicht mehr auskennen, wachte ich aus einem phantasierten Koma auf. Ich kenne mich auch so kaum noch aus; ich lebe im Jetzt, im Heute und danke jeden Tag für das, was da ist. Meine Gesundheit, die Nachbarn, die Familie; dass immer neue Babies eintreffen, ja! Letzteres freut mich vor allem. Wo Kinder spielen, kann es um die Welt noch nicht so schlimm bestellt sein; auch, wenn sich das vielleicht naiv anhören mag. Ich erfuhr einst von einer jungen Ärztin, die mit hoch schwangerem Bauch auf einer Palliativstation arbeitete, dass allein ihr Anblick viele dort Liegende tröstete. Das Leben geht weiter. War wichtig zu sehen. Zauberte ein Lächeln auf scheidende Menschengesichter.

Schwangerschaft auf einer Palliativstation. Kann man das auch von unserer Zeit so sagen? Etwas Altes stirbt. Etwas wird ganz neu geboren? ... Möglich wäre es; es liegt an uns, was daraus wird. Nein, ich will euch nicht agitieren; das ist meine Sache nicht. Ich blättere in meinen eigenen Büchern und schließe für heute mit einem Ulk-Gedicht aus meiner "Briefschreiberin", dem dritten und letzten Teil meiner "Stadtstreicherinnen"-Trilogie:

"Verkrumpelter Tag

Dieser Tag besteht aus lauter Flusen / sie wollen sich nicht zusammen schmusen.

Sie flocken und trödeln und plempern dahin / Es ist weder Halt noch Struktur darin.

Ein Fetzchen hier, ein Federchen dort / und zusammengeflickt gehen die Stunden fort.

In Daueraktion und doch nichts geschafft / nur Klümpchen und Knötchen herbei gerafft.

wie in meinem altgeliebten Daunenkopfkissen / schon bröckelnd, lang bevor noch zerschlissen

von nächtlichen Gewissensbissen und grüblerischen Seelenrissen.

Es geht nichts glatt und nichts bergauf / Und doch: Ich stand am Morgen auf

Jonglierte mit Stückwerk, ich kühne Puppe; wie das Zimtorchen mit Krümpelsuppe."

PS: Das war 2008! Und ich bin immer noch hier. Erscheint mir bemerkenswert. Übrigens: Wer das Zimtorchen ist und was genau Krümpelsuppe, das erläutere ich in meinem oben genannten Buch. Oh ja, als "Solokünstlerin" darf ich durchaus für mich und mein Werk ein bisschen Reklame machen!