Man wird nur durch Üben gut,
niemals durch Vermeiden.
Das gilt für alle Dinge;
Yoga, Lieben, Schreiben,
Nüchternbleiben.

Neuigkeiten


Woran merke ich, dass ich alt werde?

10.12.2019, 12:04 Uhr

Daran, dass ich die jungen Helden in der Muckibuden-Sauna betrachte und denke, "ach Gott, die kleinen Jungs! Wie meine Enkelsöhne. Sie kullern umeinander, erproben ihre Kräfte und hungern nach Aufmerksamkeit ..." Und wenn sie ihre Männerwitze machen, als wäre ich nicht da, und wenn ich dann scherzend anmerke: "Hey! Es sind Damen anwesend!!", dann erinnern sie mich gutmütig: "Ach, Katrin. Du bist doch schon ein großes Mädchen."

Ja. Bin ich. Daran ist nichts zu deuteln. Das Älterwerden trifft uns nun mal alle, wenn wir nicht früher gehen wollen. Immerhin, im Einkaufscenter wollte neulich einer mit mir Kaffeetrinken gehen, nannte mich "Goldlöckchen" (wie mein Liebster) und sagte mir, das sehe schön aus, mein ungefärbtes Haar. Und gestern pfiff mir einer nach, über seinem Hobel an einer Baustelle; er wünschte mir ganz unverhohlen einen schönen Tag. Ich wurde direkt rot und sagte, "Mann, immer noch schüchtern. Und das in meinem Alter!" Da lachten wir. Beide.

Mir macht es nichts, dass ich jetzt Oma bin; ich muss es nicht verschwiemeln. Ein jeder darf mich auch so nennen; es ist kein Problem. Natürlich bin ich anders als - zum Beispiel - meine Oma war. Ich trage bunte Kleider, koche nicht so gern (dafür liebt es mein Herzensmann um so mehr); ich wehe fröhlich durch den Großstadttag, auch mitten in der Woche. Ich bin beweglich und erfreue mich daran. Ich tue was dafür. Na klar doch. Und habe trotzdem weiß Gott auch nicht alles in der Hand. Auf Fotos sehe ich es manchmal, aber was will ich denn! Siehste, auch ich zögere, wenn ich mein wahres Alter nennen soll - als gäbe es da etwas zu verheimlichen. Das hättest du jetzt nicht gedacht, dass ich schon 58 bin, nicht wahr! Oder: Schätzen Sie doch mal, wie alt ... - Ein Unsinn! Alles Quatsch! Es ist doch schließlich kein Defekt von Mutter Natur, heranzureifen. Es ist von Anfang an so vorgesehen und gewollt; jede Lebensphase hat ihr Schönes. Aber hallo! (Will ich mir jetzt etwa selbst ein wenig Mut zusprechen? Oder euch? Oder wem? haha ...)

Dieser Text hatte so süß angefangen. Und wo endet er nun? Mit einem Gedanken, den ich heute Morgen in mein Tagebuch schrieb - mal wieder, ich kenne und hege ihn schon länger: Möge ein jeder sein eigenes Beispiel geben für das, was er meint. Manchmal denke ich, sehr viel mehr haben wir ohnehin nicht unter unserer Kontrolle.

PS: In Berlin scheint eine kalte Wintersonne. Sogleich gehe ich wieder raus und werde es bemerken, wenn mich jemand anlächelt. Dann lächle ich einfach zurück, mit Fältchen oder nicht. So ist das. Fortsetzung folgt. 

 

 

Advent

08.12.2019, 20:56 Uhr

Was ist das, Advent? Es gibt so viele Antworten auf diese Frage. Und welche ist meine, ganz eigene, aus selbst gemachter Erfahrung gewachsene? Nicht angelesene, nicht abgelauschte, sondern eine, die wirklich aus mir kommt, aufgrund dessen, was ich in diesem Jahr erlebt habe ... Hm. Da ist etwas, aber ich kann es kaum in Worte fassen. Mal sehen. Eine Schriftstellerin, die es nicht in Worte fassen kann? Seltsame Dame. Gelinde gesagt. 

Ich glaube, ich bin nicht mehr ganz die selbe, die ich zu Beginn dieses zu Ende gehenden Jahres war. Es kommt mir so vor. Ich bin hart geprüft worden, und - in aller Bescheidenheit - jetzt scheint mir jemand Unsichtbares auf die Schulter zu klopfen und zuzunicken, sogar zu lächeln: Prüfung bestanden. Zensur sagt er nicht. Ist auch egal. Bestanden genügt. War auch schwer genug, phasenweise. Das muss ich schon sagen. Ich bin nicht zimperlich examiniert worden. Menschen konfrontierten mich mit einem Gegenwind, den ich nicht für möglich gehalten hätte; ich hatte diese Menschen für echte Freunde gehalten, die eines vom anderen klug zu unterscheiden vermögen, zuvor. Aber gut. Manche Illusionen müssen eben platzen. Das ist förderlich. Weiß ich. Fühle ich nicht immer gern. Eigentlich nie. Lieber fühle ich mich super. Harmonie. Genau.

Advent ist, wenn ich in mich selbst hinein sehe und entdecke, ich habe tatsächlich etwas gelernt. Empfinde mehr Mitgefühl, zum Beispiel, mit Eltern, deren kleine Kinder einen holperigen Start in die Welt haben - oder gar keinen. Von innen heraus weiß ich nun, was das heißt. Und ich hätte vielleicht Worte dafür, möchte aber lieber schweigen, nach dieser Andeutung. Advent 2019 bedeutet für mich schlichte Dankbarkeit dafür, dass meine Kinder leben, alle meine drei Enkelchen; und dass ich sie immer wieder mal bei mir haben darf. Das ist Glück. Und, dass ich so etwas zu zweit erleben kann; dass einer meine Tage mit mir teilt. Ich sehe heute Dinge, die ich als junge Frau nicht gesehen habe oder anders; über die ich vielleicht verächtlich gekichert habe, wer weiß. Ich konnte nichts dafür. Wie hätte ich das denn alles wissen sollen. Aber ich habe es nicht vergessen. Und wenn Leute sagen, glaub nicht deiner Erinnerung, die trügt dich sowieso, dann erwidere ich, nun ja, aber ich habe auch früher schon geschrieben, mit Verlaub. Ich kann ein bisschen nachlesen, wenn ich das möchte. Und dann ahne ich, wer ich bin, wer ich schon immer war ... vielleicht gar nicht so sehr die, die ich zu sein glaube; geworden zu sein glaubte. Oder so. Nun ja.

Es sind Freunde gestorben seit dem vergangenen Advent, von denen merke ich erst jetzt, wie viel sie mir im Grunde bedeuteten. Mein Blick fällt auf kleine Geschenke von ihnen, die ich im Alltagslebensraum fast übersehe; Briefe von ihnen fallen aus Buchseiten; ein verziertes Feuerzeug taucht auf, ein Bild auf einem T-Shirt, ein Satz, der mir einst Mut gemacht hat. Es sind Freunde dazu gekommen, so etwas geschieht mir tatsächlich immer noch. In meinem Alter! Ha! Und diese Lütten natürlich. Die haben es erst gar nicht schwer, mein Herz zu erobern, das irgendwie größer geworden ist seit 2018, ich weiß auch nicht. Wenn ich nachts in meinem Bett liege und nicht schlafen kann, dann scheint sich manchmal alles auszudehnen, zu - erweitern wollte ich schreiben oder so etwas in dieser Art. Aber man muss vorsichtig sein, keine Schlagworte zu benutzen und damit einer Szene zugeordnet zu werden.

Advent ist - heute. Und heute ist noch nicht zu Ende. Ich gehe noch mal eine Runde raus, spazieren. Ich gehe nicht allein. Liebe ist, wenn einer Zeuge deines Lebens ist, habe ich gehört. Ein Zeuge, der wirklich was wissen will über dich; und du bist das selbe für ihn. Und außerdem ist Liebe, wenn man zusammen reifer wird und plötzlich merkt, man sieht die Dinge anders als früher; ich als Jugendliche hätte verächtlich über mich gekichert. Zum Glück darf ich die Wandlung noch erleben. Es hat nicht jeder diese Chance. Also, mit dem stetigen Dankesagen mache ich wirklich sehr gute Erfahrungen. Nicht nur vor Weihnachten. Echt!

 

   

Vor dreißig Jahren um diese Zeit

16.10.2019, 14:54 Uhr

Vor dreißig Jahren um diese Zeit ... - Es wird gerade wieder viel geredet über diese Erinnerungen, die man gesellschaftlich-allgemein, persönlich oder sehr persönlich betrachten kann, wie es beliebt. Vor dreißig Jahren um diese Zeit, es war Herbst, so wie heute, zerbrach mein Leben, wie es bis dahin gewesen war; ein neues war noch nicht in Sicht. Ich war achtundzwanzig Jahre alt, jung genug für eine echte Revolution, nicht mehr jung genug für Experimente. Immerhin hatte ich schon zwei Kinder, damals sechs und vier; und allein schon ihretwegen hätte ich nicht "rüber gemacht". Was sollte ich denn auch in einem fremden Land, von dem ich nicht sehr viel Gutes gehört hatte bis dahin; in dem ich niemanden kannte, zu dem ich hin gewollt hätte. Ist das alles wirklich schon dreißig Jahre her?

Seitdem definiere ich Heimat anders. Seitdem halte ich alles für möglich. Seitdem kann mich nicht mehr so vieles erschüttern - ach, schön wäre es! Ich glaube, da überschätze ich mich und mein schwaches Gerüst. Aber egal. Meine Liebesgeschichte begann damals, in diesem Herbst vor dreißig Jahren. Händchenhalten, verbotenerweise, mit einem Glas Schnapskirschen dabei, und an der Berliner Erlöserkirche den Gedächtnisprotokollen aus Stasiknästen lauschen. Dabei sein. Mit beten. Mit fühlen. Und immer nur diese erwachende Liebe im Sinn. Mit allem Sehnen, das dazu gehört. Und nie hätte ich geglaubt, dass sie halten würde, diese Liebe; dass sie dreißig Jahre später erst richtig blüht und in mir Fragen aufwirft, an die ich als junge Frau nicht gedacht hatte. Muss man sich wirklich für immer trennen, am Ende; oder gibt es einen Weg darüber hinaus? Solche Sachen. Einfach nur, weil es so schön ist. Noch inniger als damals, und ohne Schnaps heute. Vor dreißig Jahren um diese Zeit ...

Da habe ich in einem Brief an Freunde geschrieben, dass ich "jetzt andauernd am Mikrofon sitze, weil Leute krank werden wie verrückt oder nicht mehr live auf den Sender wollen in der jetzigen politischen Lage". Und weiter, dass wir mit unseren Zwergen in Schönefeld Flugzeuge gucken waren, und der Airbus war da, und unser Sohn, Jungpionier seit drei Tagen, wollte unbedingt sein Pionierhemd mit Halstuch anlegen; schließlich sei Sonntag, also Feiertag. Und wir beschlossen, ihn gewähren zu lassen, wir wollten einfach keine Kinder mit Doppelbewusstsein erziehen. Weder mein Ehemann noch ich wussten, wer am nächsten Tag noch zur Arbeit erschien oder schon auf dem Weg nach Hof und Helmstedt war oder wohin auch immer. Mit den anderen hielten wir einfach durch, versuchten, unseren Alltag zu bewältigen, so gut es ging - und vielleicht an den dritten Weg zu glauben, von dem keiner wusste, wie der aussehen könnte. Wir hätten halt noch Zeit gebraucht. Aber so viel Zeit war nicht.

Ich stand wie auf einem riesigen Haufen Sand, und unter mir rieselte es dahin; so war mein Lebensgefühl in diesen Tagen. Bemerkenswert genug, dass man so vieles verlieren kann und dennoch bleibt. Anders zwar, anders als früher; aber daran gestorben bin ich nicht. Wenn ich aus heutiger Sicht zurück blicke, möchte ich die, die ich damals war, in die Arme nehmen und trösten. Mädel, möchte ich sagen, du meinst jetzt, das sei deine einzige Krise, schwerste, schlimmste, so etwas Furchtbares erlebt außer dir sonst keiner. Aber wir zwei wissen nun, das stimmt nicht. Weder die einzige noch die schlimmste und schwerste weiß Gott auch nicht. Aber immer kam Hilfe, und meistens kam sie von irgend woher, wo wir sie niemals erwartet hätten. Also. Das schafft doch ein gewisses Vertrauen, nicht, oder? Könnte doch eigentlich so ein Vertrauen schaffen. Ich arbeite dran.