Akzeptanz ist auch ein Tanz.

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Wieder zurück und nie wirklich weg gewesen

19.05.2020, 17:08 Uhr

Da sitzt er wieder. Der lesende Mann, auf der Terrasse von jenem Café, über dem ich wohne. So ein vertrautes Bild. Als wäre nichts gewesen. Er sitzt da, wie er immer dort saß, ein Büchlein in der Hand, einen Kaffee vor sich, einen freundlichen Gruß auf dem Gesicht. Fragend schauen wir einander an: "Gesund geblieben?" "Ja. Sie auch?" Und tatsächlich; wir sind gesund geblieben durch diese vergangenen zwei Monate hindurch, und jetzt füllen wir wieder das Bild. Etwas weiter voneinander entfernt stehen die Stühle, die fragilen Tischchen zwei Meter auseinander auf der Café-Terrasse. Die Mitarbeiter und Serviererinnen bedienen mit Masken. Das ist, wie wir wissen, die Bedingung dafür, dass sie öffnen dürfen. Es spaltet die Gesellschaft. Alles fake, finden die einen. Vorsicht ist immer noch geboten, die anderen. Was soll ich dazu sagen? Das mit dem Großen Nichtwissen, was ich schon vor zwei Monaten an dieser Stelle schrieb, das gilt noch immer. Und sich respektvoll, rücksichtsvoll zu verhalten, ist immerhin ein größerer gemeinsamer Nenner als alles Zartgefühl gleich wieder über Bord zu werfen. Ich glaube nicht daran, also rücke ich auch dir wieder auf die Pelle. Niese dich an. Nein, fühle ich; das kann so nicht der richtige Weg sein. Was mich angeht, so habe ich seltsame Beobachtungen an mir gemacht; die sind mir wirklich neu: Ich verschleiere mich ganz gern mittels Mundschutz in Bus oder Bahn; das Stückchen Baumwolle schenkt mir eine kleine Abgrenzung, die mir gefällt. Ich wundere mich selbst. Genauso gern nehme ich die Maske allerdings auch wieder ab, wenn ich "Wald bade" und meine Lungen mit frischer Maienluft fülle, ahhhh!!! Einatmen, ausatmen, lächeln. Die kürzeste Meditation. Und wirksam noch dazu! Aber etwas Abstand ist mir nicht unangenehm. Den könnten wir aus meiner Sicht ruhig beibehalten. Allerdings schwer durchzusetzen in meiner vollen Stadt. Schon eine Straße weiter laufe ich Slalom durch die Leute. Und wohne weiß Gott nicht am Kurfürstendamm, sondern in einem kleinen, eher dörflichen südöstlichen Kiez.

Ich bin durch verschiedene Gemütslagen gegangen während dieser acht, neun Wochen; ich habe sie alle aufgeschrieben und keine vergessen. Verglichen habe ich Corona mit der DDR-Wendezeit - und meinte die Emotionen; nicht die Ebenen. Das eine - politisch. Das andere - eine Krankheit. Na, weiß ich doch, Und dennoch kamen Dinge hoch. Es ist, wie es ist. Mein Tagebuch platzt aus allen Nähten davon. "Nun sollen wir wieder Masken tragen", schrieb ich zu Beginn meiner ängstlichen Betrachtung. "Jetzt fallen Masken", sage ich heute. Es hängt nicht davon ab, ob wir uns das Gesicht verdecken. 

Ich sollte eigentlich auf Kreta sein. Bin aber in Berlin. Meine Sauna hat immer noch nicht offen. Aber ich war jeden Tag draußen. Meine Übungen konnte ich auch zu Hause tun. Wir sind ziemlich kreativ gewesen, meine Freunde und ich; haben Wege gefunden, auf denen wir uns unter Einhaltung der Maßnahmen sehen, miteinander sprechen konnten. Es war wirklich nicht die schlechteste Zeit in meinem Leben - sage ich rückblickend! Zwischendurch hatte ich manchmal ganz schön Angst. Und diese Ahnungslosigkeit. Bei gleichzeitiger Bombardierung mit news. Lieber weniger fernsehen. Das half. Ein bißchen. Ich rede in der Vergangenheit, als wüßte ich nicht, dass da noch ein dickes Ende kommen könnte. Das kann es aber auch bei anderen Katastrophen; ich will sie hier nicht alle aufzählen. Es fällt ja nicht schwer, welche zu finden. "Mein Leben war voller schrecklicher Unglücke, von denen die meisten nie eingetreten sind", soll der französische Philosoph und Essayist Michel de Montaigne gesagt haben. Ja. Meines auch. Das wird aber die nicht trösten, für die dennoch Unglück geschehen ist während dieser vom Virus dominierten Zeit. 

Hey, ich darf mein Enkelchen wieder sehen, das mit mir in einer Stadt lebt! (Die anderen beiden sicherlich auch bald mal wieder.) Wenn ich meckern würde, dann wirklich auf hohem Niveau. Also meckere ich nicht. Hurra, wir leben noch. Fortsetzung folgt.

 

 

Einerseits und andererseits

18.03.2020, 14:48 Uhr

Einerseits denke ich, in solchen Zeiten möchte ich lieber schweigen. Andererseits steht nun zuletzt hier an dieser Stelle ein eher launiger Eintrag, der mir so gar nicht mehr zu passen scheint. Also sollte ich etwas sagen; zu diesen Zeiten, in denen ein Virus uns alle beschäftigt. Ich habe aber nichts zu sagen, nichts aus dem Kopf, nichts aus meinem bisherigen Wissen, nichts aus Argumentationsketten, die ja doch nicht gelten. Oder die morgen schon überholt sein werden. Also ist es das Nichtwissen, das ich aushalten muss? Innerer Klugscheißer, für immer adé?? ... 

Ich weiß es doch auch nicht. Eine gute Zeit, um im Heute zu leben, im Hier und Jetzt - und mich solidarisch mit anderen zu verhalten. Ich umarme sonst gern und oft; nun halte ich den empfohlenen Abstand ein und blicke statt dessen tief in Menschenaugen. Versuche, keinen Moment zu versäumen, in dem ich einen Gruß zu rufen kann. "Bleiben Sie schön gesund!", "Genießen Sie die Sonne!", "Viel Kraft und Mut Ihnen!" (an die, die für die Versorgung der Bevölkerung zuständig sind) Freunde sagen, sie schauen mit Absicht auf Positives; dass mehr Ruhe herrscht, dass der Frühling da ist, dass man ja mit der Oster-Deko anfangen könnte. Stimmt! Ich habe einen großen grünen Osterhasen aus Sperrholz in mein Fenster zur Straße gehängt; vielleicht freuen sich ja die Kinder darüber, die unfreiwillig Ferien haben. Oder mein Nachbar, der Café-Besitzer, schöpft ein wenig Zuversicht - und wenn er nur kurz lächeln muss. Solche so genannten "kleinen" Dinge kommen mir gerade wieder enorm wertvoll vor!

Warum bin ich kein Maler, dann könnte ich jetzt etwas auf eine Leinwand bannen, anstatt Worte verwenden zu müssen, die mir dürr vorkommen. Natürlich fülle ich wie immer mein Tagebuch am Morgen. Natürlich gehe ich raus und wandere durch meine Stadt. Natürlich habe ich zu essen, ein Telefon, das funktioniert, einen besten Freund, der jeden Nachmittag nach Hause kommt, und mit dem ich sogar verheiratet bin. Alles selbstverständlich? 

Vielleicht gehen wir in neue Zeiten. Ich weiß es nicht. Es steht nicht im Hier und Jetzt geschrieben; es muss erst gelebt werden. Bleiben Sie / bleibt ihr bitte schön gesund. Ich wünsche mir und euch Besonnenheit. Ist eigentlich der Gelassenheitsspruch schon allgemein bekannt? "Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden." Om Shanti. Amen. Drushba, Freundschaft. Oder wie auch immer Sie es sagen würden. Die Worte sind egal. Auf den Sinn kommt es an.

 

 

Dämonen

17.02.2020, 12:24 Uhr

Heute Morgen war plötzlich die Kaffeemaschine kaputt. Die rote Lampe am Einschalter leuchtete, aber das vertraute Schnorchelgeräusch, das auf den Durchlauf ersehnter Flüssigkeit hin deutet, blieb aus. Nanu? Es passierte - nichts. Und ich fragte mich, ob gestern vielleicht doch ein Dämon unterwegs gewesen war, der nun in einer Ecke hockt und kichert. Ich hatte so ein Gefühl. Warum sonst der Zwist, wo normalerweise nur Liebe herrscht! Und nun auch noch der Kaffeeautomat! Seufzend betätigte ich den Wasserkocher, schaufelte Kaffeepulver um und trank meinen Muntermacher eben "türkisch". Dafür brauche ich mehr Geduld als sonst, türkischer Kaffee will beim Zubereiten zelebriert werden, und er bleibt länger heiß in der Tasse. Aua aua auf der Zunge. Also Vorsicht! 

Früher habe ich meinen Kaffee - falls ich mir welchen leisten konnte; Bohnenkaffee namens "Mocca Fix" aus der goldbraunen Tüte - ja nur so getrunken. Türkisch. Kaffeemaschine besaß ich erst später, als ich schon meine zweite eigene Wohnung hatte. Ich denke an eine frühe Arbeitsstelle, an eine mir vertraute Küchenfrau. Sie zeigte mir, wie man ihn richtig aufbrüht, den Türkischen. Kochendes Wasser, zuerst den Bodensatz damit nur vorsichtig benetzen. Ebenso zartfühlend umrühren, dann warten. Das Pulver soll in dieser Phase quasi aufblühen, sein Aroma freiwillig entfalten. Dann - nach gebührender Pause - der nächste Schwall. Siedendes Wasser, und nun füllt man seine Tasse bis zum Rand. Pusten, den entstandenen Schaum an der Oberfläche mit dem Löffel kreisen lassen, hinsetzen, in sich hinein sinnen. Ist die Flüssigkeit soweit abgekühlt, dass man das gefahrlos wagen kann, die Lippen an den Rand der Tasse setzen und den ersten Schluck schlürfen. Ahhh ... Kaffee! In seiner besten Form. Eine Meditation. Ein Ritual.

Leider zeigte diese Dame mir auch, wie man die Wartezeit noch füllen kann, nämlich, indem man ein geistiges Getränk zu sich nimmt. Ich will sie nicht beschuldigen; sie konnte nichts dafür. Wenn ich mich recht erinnere, verstanden wir uns gut. Mag sein, dass mein inwendiges rotes Lämpchen ebenfalls aufleuchtete - ich beachtete es jedoch nicht. Der Dämon, der mich in seinen Krallen hielt, musste schon andere Geschütze auffahren. Aus roten Lämpchen wurden - um im Bild zu bleiben - warnende Signalfeuer; wahre Scheiterhaufen. Aber dann! Gott sei Dank. Was kaputt war, durfte wieder heilen. Und Kaffeemaschinen sind heute auch nicht mehr teuer. Ich werde sogleich los ziehen und eine neue erstehen. Oder bleibe ich beim Zeremoniell? Spiritus contra Spiritum? (Autorin schmunzelt)