Ich trage ein schwarzes Kleid. Bist du in Trauer? Ja. Eine Illusion ist gestorben.

Neuigkeiten


Ein Kind gehört niemandem!

13.02.2020, 09:32 Uhr

Gestern Abend - ein aufwühlender Film in der ARD: "Weil du mir gehörst". Ein Elternpaar kämpft erbittert um sein Kind. Ein Vater wird systematisch aus der Familie ausgeschlossen, verunglimpft, vor Gericht gezerrt. Das kleine Mädchen, die Tochter, wird dabei seelisch zerstört; keiner von beiden scheint es zu bemerken. Eine Maschinerie läuft an; eine Maschinerie aus Ämtern, Anwälten, Gutachtern, die eigentlich beschützen soll, das Ganze aber noch mehr befeuert. Es ist kaum auszuhalten, das mitanzusehen; fast minutiös zu sehen und zu spüren, wie die Kleine manipuliert wird, verwirrt, missbraucht - und am Ende überhaupt nicht mehr weiß, was sie selbst eigentlich fühlt, was sie will oder nicht will, unabhängig von der Erwachsenen. Es ist zu spät. Nicht nur, dass diese Eltern ihr Kind längst verloren haben - und es auch mit Geschenken nicht zurück gewinnen können. Nein, dieser junge Mensch hat sich selbst verloren; und das ist fürchterlich, die Hölle! Das Mädchen im Film, noch nicht zehnjährig, beginnt, sich selbst zu ritzen, pullert ein, wird auffällig - und keiner sieht es. Diese so genannten Erwachsenen sind mit sich selbst beschäftigt und dem, was sie für richtig halten. Es ist mir schrecklich, aber auch auf neue Weise läuternd, das so mit anzusehen. Ich bin den Fernsehmachern dankbar für diesen Film, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie die Wahrheit erzählen. Geschichten gleichen sich nie aufs Haar; aber Prozesse in Menschenwesen schon. 

Eine Elfjährige steht im Chor auf einer Bühne und kann vor Weinkrämpfen nicht singen. Unkontrollierbar fließen ihr die Tränen, sie muss aus der Schule genommen werden. Warum greift keiner ein? Bleibt alles in der Familie ... Es geht in die Hose. Sie frißt und kotzt. Sie beginnt zu trinken. Clara Felder, "Das schwächste Glied". Mein erstes Buch. Damit war es nicht getan. Damit fing es weiß Gott erst an! Ich weiß, wie lange es dauern kann, die Fäden wieder zu entwirren, die Verstrickung zu lösen. Sich selbst wieder zu gewinnen, nachdem man so verloren war. Ein lebenslanger Prozess, eine Mühe. Die sich aber lohnt. So viel kann ich sagen. Es gibt einen treffenden Text, den möchte ich hier anfügen (was ich selbst zu sagen hatte und noch haben werde, steht in meinen Büchern). Also hier der Text:

Als sie lachte


sagte man ihr, sie sei kindisch.
Also hörte sie auf zu lachen.
 
Als sie liebte,
sagte man ihr, sie sei zu romantisch.
Also hörte sie auf zu lieben.
 
Als sie reden wollte,
sagte man ihr, darüber spreche man nicht.
Also lernte sie zu schweigen.
 
Als sie weinte,
sagte man ihr, sie sei zu weich.
Also hörte sie auf zu weinen.
 
Als sie schrie,
sagte man ihr, sie sei hysterisch.
Also hörte sie auf zu schreien.
 
Als sie anfing zu trinken,
sagte man ihr, sie brauche eine Therapie.
Also machte sie eine Therapie.
 
Als sie wieder draussen war,
sagte man ihr, sie könne jetzt von vorn anfangen.
Also tat sie, als begänne sie ein neues Leben.
 
Als sie ein Jahr später
sich versteckt zu Tode gefixt hatte,
sagte man gar nichts mehr
und jeder für sich versuchte
leise das Unbehagen zusammen mit den Blumen
ins Grab zu werfen.

*

Man weiß es später nicht mehr, was eigentlich ist, was war. Viele fragen sich dann: Was hat sie oder er denn nur? Sie hatte doch alles, es gibt doch keinen Grund, sich selbst so zu zerstören! Wie gesagt, es dauert Jahre. Jahrzehnte. Ein langer Prozess hinein; ein langer Prozess wieder heraus - heraus, wenn man Glück hat und sich die richtige Hilfe suchen kann. Zurück zu dem oben erwähnten Film, der mich tief berührte: Die hoffnungsvolle Figur darin ist für mich ein weiser Richter (die ganze Zeit über dachte ich beim Schauen: Gibt es denn keinen einzigen Erwachsenen, der tiefer hinsehen kann? Der erkennt, was da wirklich vorgeht, in dem Mädchen, in dieser Familie?). Er ist der Einzige, der ein "Macht"wort spricht und diese Eltern dazu verdonnert, sich erst einmal selbst Hilfe zu suchen, um ihr Kind nicht noch weiter kaputt zu machen. Ob es nicht schon längst zu spät ist; ob die Kleine nicht schon für lange Zeit "zu" gemacht hat, das sei dahin gestellt ...

Ich wiederhole es: Danke für so einen Film! Dafür lohnen sich meine Gebührengelder. Absolut. 

 

 

zum neuen Jahr

06.01.2020, 14:05 Uhr

Na klar, na klar

ein neues Jahr.

Ach wie toll

die Sauna ist voll,

gute Vorsätze

beanspruchen Schwitzeplätze.

Wir Üblichen Ständigen

tauschen Blicke und bändigen

unseren Drang und Behufe,

Neulinge zur Ordnung zu rufe(n).

*** 

Alles Gute allen meinen Lesern zur runden 2020, die auf mich irgendwie sympathisch wirkt, freundlicher als 2019; aber das mag an meinen Tests und Prüfungen liegen, durch die ich letztes Jahr gegangen bin. Mein Computer macht ein nie da gewesenes metallisches Geräusch beim Schreiben; vielleicht ist ja auch er durch Tests und Prüfungen gegangen, wer weiß, und hat Federn dabei gelassen ... Ich weiß es nicht. Ich hacke einfach über das metallische Geräusch hinüber in die Tasten, so wie ich über meine eigenen Blessuren rüber weiter fröhlich zu leben beschließe. Was denn auch sonst! Es gibt keine Alternative dazu, die mich jetzt noch ernsthaft locken könnte.

Die zwölf magischen Rauhnächte sind vorüber, in denen wir Erdlinge angeblich der Anderwelt besonders nahe sein sollen. Mein System ist mit Sicherheit auch von Fernsehkrimis, Nachrichten und dem wilden Berlin geprägt, so dass ich meine Rauhnächteträume nicht ohne dieses Wissen wirklich deuten kann. Einfacher ausgedrückt: In meinem Schädel geht es drunter und drüber; und ich bin gut beraten, auch weiterhin nicht alles zu glauben, was ich so denke - oder eben träume. Die Anderwelt hat es nicht leicht, mit ihren mystischen Botschaften zu mir durchzudringen, durch all den angesammelten Wust hindurch! Dennoch habe ich am Heiligen Abend - ohne lange nachzudenken - zwölf Wünsche auf ein Blatt Papier geworfen, dieses dann zu Zettelchen zerschnitten, die ich nicht noch einmal las, sondern jeden Tag ins Feuer warf, eines nach dem anderen. Heute blieb eines übrig, das ich in mein Tagebuch klebte; der Sage nach soll es dasjenige sein, um das ich mich selbst kümmern muss 2020; um alle anderen elf kümmert sich das Universum. Schöne Vorstellung! Dem einen, letzten Wunsch und seiner Erfüllung fühle ich mich gewachsen, er hat direkt mit dem zu tun, was ich auf Erden am liebsten tue (mehr wird nicht verraten). Und er hat mich zu einem noch unveröffentlichten Manuskript geführt, das ich lange nicht zur Hand nahm, und das immer noch seinen Verleger sucht. Wir können warten, dieses Buch und ich; so lange, bis der oder die Richtige kommt. Schön wäre es doch. Aber es muss stimmen. An alles andere glaube ich nicht mehr.

So haut rein! Und folgt keinen Vorsätzen; redet lieber über das, was ihr tatsächlich getan habt (ich gebe das nur weiter; ist mir auch dereinst so gesagt worden - und gut so!).

 

 

Woran merke ich, dass ich alt werde?

10.12.2019, 12:04 Uhr

Daran, dass ich die jungen Helden in der Muckibuden-Sauna betrachte und denke, "ach Gott, die kleinen Jungs! Wie meine Enkelsöhne. Sie kullern umeinander, erproben ihre Kräfte und hungern nach Aufmerksamkeit ..." Und wenn sie ihre Männerwitze machen, als wäre ich nicht da, und wenn ich dann scherzend anmerke: "Hey! Es sind Damen anwesend!!", dann erinnern sie mich gutmütig: "Ach, Katrin. Du bist doch schon ein großes Mädchen."

Ja. Bin ich. Daran ist nichts zu deuteln. Das Älterwerden trifft uns nun mal alle, wenn wir nicht früher gehen wollen. Immerhin, im Einkaufscenter wollte neulich einer mit mir Kaffeetrinken gehen, nannte mich "Goldlöckchen" (wie mein Liebster) und sagte mir, das sehe schön aus, mein ungefärbtes Haar. Und gestern pfiff mir einer nach, über seinem Hobel an einer Baustelle; er wünschte mir ganz unverhohlen einen schönen Tag. Ich wurde direkt rot und sagte, "Mann, immer noch schüchtern. Und das in meinem Alter!" Da lachten wir. Beide.

Mir macht es nichts, dass ich jetzt Oma bin; ich muss es nicht verschwiemeln. Ein jeder darf mich auch so nennen; es ist kein Problem. Natürlich bin ich anders als - zum Beispiel - meine Oma war. Ich trage bunte Kleider, koche nicht so gern (dafür liebt es mein Herzensmann um so mehr); ich wehe fröhlich durch den Großstadttag, auch mitten in der Woche. Ich bin beweglich und erfreue mich daran. Ich tue was dafür. Na klar doch. Und habe trotzdem weiß Gott auch nicht alles in der Hand. Auf Fotos sehe ich es manchmal, aber was will ich denn! Siehste, auch ich zögere, wenn ich mein wahres Alter nennen soll - als gäbe es da etwas zu verheimlichen. Das hättest du jetzt nicht gedacht, dass ich schon 58 bin, nicht wahr! Oder: Schätzen Sie doch mal, wie alt ... - Ein Unsinn! Alles Quatsch! Es ist doch schließlich kein Defekt von Mutter Natur, heranzureifen. Es ist von Anfang an so vorgesehen und gewollt; jede Lebensphase hat ihr Schönes. Aber hallo! (Will ich mir jetzt etwa selbst ein wenig Mut zusprechen? Oder euch? Oder wem? haha ...)

Dieser Text hatte so süß angefangen. Und wo endet er nun? Mit einem Gedanken, den ich heute Morgen in mein Tagebuch schrieb - mal wieder, ich kenne und hege ihn schon länger: Möge ein jeder sein eigenes Beispiel geben für das, was er meint. Manchmal denke ich, sehr viel mehr haben wir ohnehin nicht unter unserer Kontrolle.

PS: In Berlin scheint eine kalte Wintersonne. Sogleich gehe ich wieder raus und werde es bemerken, wenn mich jemand anlächelt. Dann lächle ich einfach zurück, mit Fältchen oder nicht. So ist das. Fortsetzung folgt.