Ich muss nicht mehr alles glauben, was ich denke. Endlich.

Neuigkeiten


nach sehr langer Pause ...

12.06.2019, 11:06 Uhr

Liebe Leser,

wenn man sich sehr lange nicht öffentlich äußert, dann ist das kein Zufall, in meinem Falle jedenfalls nicht. Zwar habe ich meinen Tagebuchfluss die ganze Zeit über nicht abreißen lassen - nach wie vor beginnt jeder Tag mit der Arbeit an meinem ganz persönlichen "Jahrhundertwerk" -, aber hier auf dieser Seite entschied ich mich für Schweigen. Oder besser gesagt, das Leben selbst entschied so für mich; denn es schickte mich durch einen real gewordenen Alptraum, über den in dieser Form zu reden sich verbot; ich konnte nicht, wollte nicht - und mag auch jetzt nicht recht. 

Ich hoffe, es hat mich insgesamt mitfühlender gemacht, dass ich um das Leben zweier mir sehr, sehr lieber Menschen fürchten musste. Es ist ja ein Unterschied, ob man etwas vom Kopf her weiß, weil man es "versteht", wie das wahrscheinlich sein muss, so etwas erleben zu müssen; oder ob man tatsächlich selbst darin steckt, ohne Ausweg, mittendrin, machtlos. Nein, ich werde diese Geschichte auch jetzt nicht im Detail erzählen; nur soviel vielleicht: Sie ist gut ausgegangen, für den Moment - und für alle Zeiten, wie ich hoffe und mir wünsche. Eine Verletzlichkeit ist geblieben, ein Vorsichtigsein; ein zartfühlenderes Aufeinander Achten. Mein Herz schlägt schneller, wenn ich nur daran denke. Lauter, unüberhörbarer.

Und mitten hinein in diese Erfahrung - überstandener Schock - platzt ein weiteres Kapitel aus dem üblichen Berliner Mietenwahnsinn; und ich nehme es wie hinter Milchglas wahr. Liebe Enkel, bitte träumt einen schöneren Traum. Ich finde es unfassbar, was Menschen Menschen antun - und warum wir einander unsere Leben so schwer machen müssen. Geht es hier wirklich nur noch um das Goldene Kalb? Weiß denn keiner, dass wir nur einen Wimpernschlag lang auf der Erde sind, und dass es in dieser kostbaren Zeit weiß Gott nicht um das Vermehren und Absichern und Konsumieren geht? Was rede ich! Wußte es ja selber lange nicht, wurde erst da hin geführt. 

So seht ihr mich in meiner Werkstatt sitzen, einmal vergangen und wieder auferstanden, wie schon so oft. Wie schon so oft. Oh ja. Mit jedem Mal macht es mir weniger angst, was mich selbst angeht, jedenfalls. Was die anderen betrifft - das ist ein anderes Thema. Daran gewöhne ich mich nicht. Ist doch auch gut so, sagte ein weiser Mann zu mir; wäre doch schlimm, wenn wir uns je daran gewöhnten, gleichgültig würden, nichts mehr empfänden.

So betrete ich ein neues Universum und nehme die damit verbundenen Aufgaben an. Demnächst werde ich vielleicht wieder öfter schreiben, regelmäßiger. Wer weiß. Ich dränge mich nicht. Also bleibt mir gewogen. Oder auch nicht. Wie ihr wollt. Aber achtet auf das, was geschieht. Seht hin. Man kann es üben. Und dann ist er da, der neue Blick auf die selbe Welt - und sie verwandelt sich.

Eure Katrin im Berliner Hochsommer 

 

 

Rilke, Hesse und ich

26.03.2019, 14:22 Uhr

Habe heute aus aktuellem Anlass an ein Rilke-Sonett gedacht und es mit der Hand und zwei verschiedenene Farben (!) sorgfältig in mein Tagebuch übertragen. Man kann es nicht oft genug lesen, und darum ... Hier ist es:

 

"Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, 
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt; 
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, 
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt. 

Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte; 
wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau's? 
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte. 
Wehe -: abwesender Hammer holt aus! 

Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung; 
und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne, 
das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt. 

Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung, 
den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne 
will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind."

 

Ich fühle mich stark an Hermann Hesse´s "Stufen" erinnert, was den Inhalt dieser Zeilen betrifft. Seltsam genug, dass mich diese Gedanken schon viele Jahre über anrühren und stets etwas mit meinem Leben zu tun haben. "... Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, schon droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde." 

Das musste heute mal gesagt werden. Vertonken aber auch eins.

 

 

Eine Wunde in der Stadt

18.03.2019, 12:00 Uhr

Ein Stumpf, der nirgendwohin führt. Das ist die Ku´Damm-Passage, die gerade von einem Knabberbagger Stück für Stück, Tag für Tag abgetragen wird. Ich war dort. Ich habe es gesehen. Ich stand mittendrin in diesem Stumpf, nach allen Seiten nun verschlossen, und wartete wie so oft auf meinen Liebsten, der am Feierabend aus einem der acht Fahrstühle steigt, die zum Hochhaus führen. Das Hochhaus ragte früher - von der Straße aus fast unsichtbar - über die Passage hinaus. Nun steht es wie ein letzter Zeuge ganz allein in einem Trümmerfeld. Leute, die darin noch arbeiten, sollen sich gewisse Sorgen machen, habe ich gehört. Ob die Bauarbeiter zuverlässig sind? Ob sie achtsam planen und ausführen, und nicht aus Versehen ein wichtiges Fundament zum Einsturz bringen? Nein. Unnütz, solche Gedanken. Alles unter Kontrolle, wird beschwichtigt. Aber es sieht gespenstisch aus dort, keine Frage. Was empfinden wohl Anwohner, die den Krieg noch miterlebt haben? Wann sah man zuletzt eine solch klaffende Wunde mitten in Berlins City/West? 

Oft bin ich durch diesen Tunnel mit seinen insgesamt vier Ausgängen flaniert. Ich tat das gern und kam meist extra etwas früher als der Gefährte zu erwarten war; ich wollte noch ein bißchen schauen, was die Auslagen im Zeitungskiosk, im Tabakladen, in der Drogerie oder in der Kunstgalerie so boten. Im Geschäft voller lauter zuckersüßer Kleinmädchenkleider auch. Wollte in die düsteren Kneipen hinein schmulen, in denen heimliche Trinker Zuflucht und den Trost einer mütterlichen Wirtin fanden. Wollte die Gruppen von Jugendlichen beobachten, die laut lärmend und alles andere im Kopf zu Bildungszwecken durch die "Story of Berlin" geführt wurden. Diese Ausstellung besaß sogar einen unterirdischen Bunker, gruselig genug. Wollte auf den Bänken verweilen, die vor dem Stadtmuseum aufgestellt waren, in einer Art Glaskasten mit verschließbaren Spinden. Wie unter einer Tarnkappe konnte ich da sitzen, während für die Schulklassen Rucksäcke verteilt wurden aus diesen schmalen Schränken; ich sah, wie sie Coladosen öffneten, rasch die Rolltreppe hoch fuhren zum Souvenirshop, noch ein Eis auf den Weg kaufen oder eine Gummibärchentüte. Einmal saß ein junges Mädchen schluchzend dort in einer Ecke. Liebeskummer? Ich werde es nun nie erfahren. Eine Klassenkameradin nahm sich ihrer an. Teenager haben gute Gründe zum Weinen. Ich erinnere mich klar. Wie an die beiden Ku´Damm-Theater! Es gab so viel Wirbel um sie wie um das Ende der DDR, das auch nicht jeder wollte, wenn ich mich recht erinnere. Zum Schluß mußten wir kapitulieren, Schauspieler wie Wendemenschen. Uns wurde ein Ersatz versprochen. Aber ich fürchte, der war nicht mehr ganz der selbe. Wird nicht mehr ganz der selbe sein, wenn die neuen Theater im Kellergeschoss aufmachen werden.

Einmal ist mir Leonard Lansink in der Passage begegnet, jener Mime, der im Fernsehkrimi den Privatdetektiv Georg Wilsberg gibt. Er zog sich seine Mütze tief ins Gesicht, senkte den Blick, als er an mir vorüber eilte. Er konnte ja nicht wissen, dass ich nicht aufdringlich bin. Mich hat er übrigens auch nach keinem Autogramm gefragt! Schon merkwürdig. Walter Plathe saß oft im Café vor der hohen Glastür. Auch er hat mich nicht erkannt, soweit ich weiß.

Und nun also ein Stumpf. Ich stehe mittendrin und versuche, das entstehende Gefühl zu orten. Alle vier Ausgänge nach allen vier Seiten sind verschlossen, mit Planen, Rolltoren, Brettern, Beton. Dahinter - die Trümmerwüste mit dem ragenden Hochhaus wie ein allerletzter Backenzahn im Mund einer uralten Omi. Selbst, wenn ich es wollte, ich könnte nicht wieder lustwandeln oder die Restpassage verlassen in eine der Himmelsrichtungen. Machtlosigkeit stellt sich ein. Vor allem, weil dieser letzte Torso eben noch so tut, als sei alles in Ordnung, alles wie früher! Zwar steht die lange Rolltreppe still, aber sie existiert noch; und an die Säulen in der Halle vor den Fahrstühlen kann ich mich immer noch anlehnen während des Wartens. Kann meine Papiertaschentücher in bereit stehende Abfalltonnen werfen. Leert die eigentlich noch wer? In den Plexiglasfächern vor dem Eingang zur Story of Berlin stecken noch alle Flyer; ich ziehe mir einen heraus, der mir erläutert, wie der Videoguide durch die Ausstellung zu handhaben ist. Notiere mit Kugelschreiber darauf meinen Gedanken: "Ein Stumpf, der nirgendwohin führt." Das Kassenhäuschen wirkt verlassen wie für eine Mittagspause. Gleich wird jemand kommen, die Luke öffnen und Tickets verkaufen. Genau so die Pförtnerloge vor den acht Liften. Ein ergonomisch geformter Drehsessel schwingt noch nach, als wäre gerade jemand kurz daraus aufgesprungen. Auf dem Tresen liegen verschiedene Tageszeitungen - greift noch jemand nach ihnen? Oder hat bloß jemand vergessen, sie abzubestellen ...

Jetzt weiß ich, was das für ein Gefühl ist, das mich da beschleicht: Es ist die Vergänglichkeit, die ich meistens nicht recht wahrhaben will, der ich an dieser Stelle jedoch nicht ausweichen kann. Selbst, wenn ich es wollte, ich könnte die frühere Passage, die Ku´Damm-Theater, auch meine Adlershofer Sauna oder mein Land nicht wiederherstellen. All diese vertrauten Plätze sind fort. Je länger ich lebe, desto öfter wird mir das widerfahren, dass etwas einfach fort ist. Die stetige Veränderung ist ja nicht aufzuhalten. Eines Tages werde sogar ich selber fort sein, nicht auszudenken! ... Was soll ich sagen! Wie diesen Text beenden? NOCH bin ich da und kann etwas tun - oder auch lassen. Aber ich bin hier; lustwandele immer noch umher und werde meistens nicht erkannt. Das ist doch gut so. Ihr sagt, ich soll endlich mal wieder ein Buch schreiben. Aber was für eines denn? Bis ich das weiß, lest ihr weiterhin auf dieser Seite von mir; und dann sage ich euch gleich Bescheid. Versprochen. Gruß an den Knabberbagger!