Das Leben unter den Menschen
ist ein ständiges Spiel zwischen Distanz und Nähe.
Ich darf da keine Perfektion von mir erwarten.

Neuigkeiten


Ein neues Jahr und eine alte Sinfonie

02.01.2024, 16:20 Uhr

Es gab tatsächlich noch zwei zusammenhängende Karten auf dem Rang des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt. Silvester. Beethovens Neunte. Da waren wir lange nicht gewesen, er und ich. Da wollten wir hin. Und es klappte. Erwartungsvoll, feierlich saßen wir an der Balustrade. Schräg gegenüber nahm eine Familie Platz, Mutter, Vater, zwei Kinder, dachte ich zuerst; aber dann - bei näherem Hinsehen - erkannte ich: Es war ein Mädchen, vielleicht neun Jahre alt, und auf dem Schoß ihre täuschend lebensechte Puppe vom Weihnachtsmann, wie eine kleine Schwester. Und so behandelte sie sie auch; sie kämmte ihr die braunen Haare, steckte sorgfältig eine Spange in deren Pony; platzierte die Kleine so, dass sie auch gut sehen konnte hinunter auf die Orchesterbühne. Wie musste das wohl sein für sie, dachte ich. Bestimmt ihr erstes großes klassisches Musikerlebnis. Wobei - das weiß man nicht. Ich habe auch schon Fünfjährige in solchen heiligen Hallen gesehen, mit ihren Omas oder Geigenlehrern. 

Die so berühmte Sinfonie begann mit einer Friedensbotschaft. Ein Mann trat auf die Bühne, um die kurzfristig krank gewordene Sopranistin zu entschuldigen - zum Glück lebe man in Berlin und habe ebenso rasch edelsten Ersatz gefunden -; und dann ließ er es sich nicht nehmen, das Bevorstehende in unsere Zeit einzuordnen. "Alle Menschen werden Brüder". Aktuell wie lange nicht. Das Mädchen hielt wie ich den Atem an. Streichelte zärtlich seine Puppe.

Wir tauchten ein in die Musik; ein Meer aus Emotionen und Energie. Irgendwann schielte ich zu der so viel Jüngeren hinüber. Sie schaute nicht mehr hinunter zu den Streichern, Bläsern, Trommlern; der zarten jugendlich anmutenden Dirigentin; sie schaute ins Publikum, zu mir, musterte aufmerksam die Menschen rings um sich her. Sah sie das gewisse Glitzern in meinen Augen? Keine Ahnung. Ich werde nie erfahren, was in ihr vorging; und es geht mich auch nichts an. Ich vermute eine Langzeitwirkung; vielleicht wünsche ich sie mir auch nur. Unaufdringlich. Jedes Beispiel zählt; jedes einzelne friedvolle Gebaren und Gesicht. Das wäre doch schön.

Na ja. Mehr ist nicht passiert. Aber auch nicht weniger.

Ein gutes neues Jahr 2024 wünsche ich nach allen Seiten. "Wo dein sanfter Flügel weilt". Genau.

 

 

na sowas!

12.01.2023, 13:50 Uhr

Lange Zeit hier nichts geschrieben, ein ganzes Jahr nicht. Einige von euch haben mich bereits darauf hingewiesen. Mach mal was an deinem Sendungsbewusstsein. Gib jetzt bloß nicht auf. Was ist denn los mit dir? Tja. Was los ist mit mir, das hat dazu geführt, mich jedenfalls nicht zu ver-öffentlichen, außer durch meine Bücher, das ist ja klar. Manchmal erscheine ich zu Anlässen und staune selbst darüber, dass Menschen auf mich zu kommen, mit mir reden wollen, weil sie gerade eines meiner Werke lasen, das ist schön. Da freue ich mich! Sehr. Weiter so, möchte ich ausrufen. Als hätte ich es in der Hand.

Also, das Jahr 2022. Eine Dampfwalze ist über mich hinweg gerollt, und als sie fort war, bin ich nicht mehr die selbe gewesen wie zuvor. Nicht eindimensional, wie man vielleicht vermuten könnte bei dem Sprachbild; nein, ich bin keineswegs platt. Eher habe ich eine Dimension dazu gewonnen; das ist das Beste, was einem passieren kann, wenn man durch ein Walzwerk durch ist, glaube ich. Jedenfalls erwacht in mir gerade wieder die allergrößte Lust zum Schreiben; wer weiß, was daraus wohl entstehen mag ... Ihr erfahrt es als erste, ich sage hier Bescheid. Mann! Frau! Kinder!

Und nicht vergessen: Frieden beginnt innen. Keine Gelegenheit ist zu klein dafür, und in der Großstadt ergeben sich viele davon. Ein Beispiel: Neulich am Prenzl´berg. Ich träume vor mich hin beim Stadtstreichern; da rempelt mich ein Ellbogen im Vorübergehen an; er gehörte zu einer eiligen jungen Dame. "Hey, hey, hey" sage ich - und sie etwas wie "Meckertussi" über ihre Schulter. Ich rufe laut: "Und was ist mit Liebe?" Jäh hält sie inne. Dreht sich um. Ich erwarte eins auf die Fresse; da sagt sie: "Sie haben recht. Es tut mir leid."

Woher die Tränen auf meinen unversehrten Wangen? Ich weine, weil jemand freundlich zu mir ist. So verrrückt ist die Welt. Aber wir können auch anders. Siehste ja. Kiekste! (wie der Berliner so sagt)

Fortsetzung folgt. 

 

 

kein Sendungsbewusstsein mehr

11.10.2021, 17:39 Uhr

Mein Sendungsbewusstsein ist weg. Wenn ich das schon schreibe! Dann ist wohl doch noch welches da, vermute ich. Auf jeden Fall bin ich noch da, und ich tue im Verborgenen auch immer noch meinen Dienst. Vielleicht lesen das eines Tages meine Enkel oder Urenkel, wer weiß. Im Moment geht es nur ums Schreiben. Und ich bin mein erster Leser; ich habe unmittelbaren Gewinn davon.

So ist das.

Ansonsten - die vielen Augenblicke, in denen ich Freude sah in anderen Gesichtern; einfach, weil wir alle noch da sind und einander wiedersehen: In der Sauna, im Kino, im griechischen Restaurant, wo auch immer; eben an solchen Orten, an denen es nicht mehr selbstverständlich ist. Noch da sein. Welch kostbarer Zustand! 

Fortsetzung folgt - vielleicht. Wenn ich schweige, sucht mich am Schreibtisch. (Oder in der Sauna, im Kino, auf Kreta ... - oder bei den Enkeln.)