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Wohnungsauflösung
14.03.2018, 09:01 Uhr
Direkt mir gegenüber, in meiner Berliner Straße, räumen Männer eine Wohnung aus. Ich kannte die Leute, die darin lebten. Seit dreißig Jahren. Hey! Was für eine lange Zeit. Er hat mich oft eingeschüchtert durch seine laute Art. Sie hat mich eingeschüchtert durch ihre perfekte Art. Den schönsten Balkon im Kiez kreierte sie zu jeder Jahreszeit. Da kam ich einfach nicht ran, an so viel hausfrauliche, gärtnerische Hingabe. Passanten blieben stehen, fotografierten. Reporter schrieben darüber für die Stadtteilzeitung. Der Balkon ist leer. Alles ist still. Und ich kann nicht aufhören, von meinem Schreibplatz her durchs Fenster dort hinüber zu schauen. Schon den dritten Tag geht das so. Möbelstücke wandern in einen Container. Geräte auf die Ladefläche eines LKW. Gardinen fliegen wie zum Abschied winkende Gespenster in einen Van. Ein Töpfchen mit Erika liegt vergessen unten vor dem Haus auf einem Stück Wiese. Die Aktion - scheint es - will mich etwas lehren. Etwas, das nicht so leicht zu fassen ist. In mein Tagebuch habe ich zunächst dies notiert:
Eine Wohnung wird aufgelöst. Ein Leben. Ja, geht denn das? Ein Leben aufzulösen, bis gar nichts mehr bleibt - davon? Von all diesen gefüllten Jahren. Der Katzenbaum. Da tragen sie ihn raus. Hieven ihn auf ihren Transporter, ein wenig achtlos. Braucht ja keiner mehr, das Ding. Wer nutzte schon einen gebrauchten drei-, vierstöckigen Ruheplatz nach, auf dem ein unbekanntes Tier sich aalte! Der Kater ist jetzt auch in einem Heim - wie sie, sein Frauchen, Ich höre sie noch seinen Namen rufen, von unten her, nach einem Einkauf. Da kam er immer angeschlendert, auf den Balkon. Und alle hatten teil. Aufgelöst. Alles löst sich auf. Fort: Frauchen, Herrchen, Katerchen - sie existieren nur noch in meiner Erinnerung. Dereinst wird es für mich genau so oder jedenfalls ähnlich enden. Ich löse mich auf. Bin ja schon dabei. Wohlan dem, an den sie sich erinnern!
Bad Schlema
26.02.2018, 14:18 Uhr
Ein Wochenendausflug ins Erzgebirge. Erst, als ich wieder zu Hause - in meiner Berliner Lebenswerkstatt - bin, erfahre ich, dass dies die kältesten Tage des Jahres sind. Dort, in Bad Schlema, hielt ich minus sechzehn Grad, vom Eiswind rot gepeitschte Gesichtshaut, gefrorene Saunahandtücher für ganz normal. Februar im Gebirge - da ist das eben so. Februar überhaupt! "Und die Leute sagen, es gäbe keine richtigen Winter mehr!", sagte eine Frau und schüttelte ihren weisen Kopf ob so viel menschlichen Unverstandes.
Aus dem Kurgarten in Bad Schlema, das 2018 übrigens hundert Jahre alt wird, ergießt sich starr eine gefrorene Eisskulptur mit Wellen, Zapfen und Türmen, wo sonst ein kleiner Wasserfall plätschert. Spaziergänger bleiben staunend stehen. Was für Kunstwerke doch die Natur zustande bringt! Am Floßgraben fragte ich mich, ob die ziselierten Eishäute über dem Bach einst die Vorlage für Klöppelspitze bildeten. Möglich ist es. Wind, Frost und Wasser haben feinste Gewebe erzeugt; durchsichtige weißsilbrige Zaubertücher mit zarten Eckchen, die bereits ein Gedanke abzubrechen droht.
Ich lief wie durch ein Märchenland. Jeden Moment könnte die Schneekönigin um die Ecke schreiten. Wo einst der Bergbau eine riesige Wunde in das Tal gerissen hat; wo Matsch und Abraumbagger unwirtlich-schwarze Mondlandschaften in den Planeten gruben, ist jetzt ein Beispiel für - ja, tatsächlich - klare, blühende, heilende Erde geschaffen worden. Hierher kommen die Leute, um wieder gesund zu werden. Um frische Luft zu atmen und gutes Essen zu sich zu nehmen. Um im ACTINON-Bad alles Giftige aus Körper, Geist und Seele heraus zu lassen. Mein Gott, was für ein Wandel!
Wenn so etwas möglich ist, dann kann auch ich mich wandeln. Immer und immer, immer wieder. Ein Mensch ist bloß ein Universum im Kleinen. Also los, in eine neue Woche!
aus meinem Tagebuch
11.02.2018, 11:03 Uhr
Ich sage ja, ich sage nein, und ich kann meine Zeit nur einmal vergeben. Auf halbgewalkte Sachen lasse ich mich nicht ein. Danke dafür, dass ich das heute kann. Das konnte ich ja lange nicht; ich war ein Spielball von Leuten, die mich manipulieren und für ihre Zwecke benutzen wollten. Ich habe selber nicht gewusst, wie krank ich in meiner Seele war; und es bedeutete jahrzehntelange schwere Arbeit für mich, da heraus zu finden, neue gesunde Dinge und Verhaltensweisen einzuüben. Manchmal ziepen die früheren Wunden immer noch; zum Beispiel, wenn ich plötzlich Angst vor scheinbar dominanten Personen bekomme, denen gegenüber ich ein eigenes Anliegen klar behaupten muss. Eine weise Frau prophezeite mir schon vor Jahren: "So etwas hört niemals auf! Wir lernen nur - im allerbesten Falle -, damit immer besser umzugehen und "dennoch" gut zu leben." Ja. Genau so scheint es zu sein. Auch bei mir.
Ein wichtiger Mensch aus meiner Kindheit sagte mal über mich: "Sie hat immer gewußt, was richtig und was falsch ist." Da finde ich nun wieder hin, zu meiner damaligen Unschuld, und zu dem sicheren Draht, den ich - wohin auch immer - spürte. Ich sage gern im Scherz: Ich kam auf die Welt als die, die ich eben war. Dann brachte mich die Welt durcheinander. Und nun komme ich da wieder hin, wo ich von Anfang an gewesen bin. Bei mir. Ist das nicht eine erfrischende Art des eigenen Kurzlebenslaufs?
Am Freitag notierte ich auf die Rückseite eines Kassenzettels von C&A: "Wenn jetzt sogar die künstlerische Lichtgestalt nicht länger funktioniert, dann ist der Leistungskapitalismus wirklich am Ende."
Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Verletzlich und klein. Egal, wie großmächtig die Maschinerie um ihn herum auch wird. Recht gute Besserung, Helene!




















