Neuigkeiten
Besuch von Jörg Nicht
21.11.2017, 10:49 Uhr
Ein Fotograf hat mich besucht. Einer von jener seltenen Art, die eine Linse auf mich richten und dabei zartfühlend, respektvoll bleiben. Dass so etwas eine Kunst für sich ist, weiß ich aus meiner jahrelangen Arbeit als Journalistin. Auch ich "zielte" mit einem recht monströsen technischen Gerät auf Menschen, Gesprächspartner: Ein langes und unübersehbares Mikrofon. Und dann soll der andere noch tief in sich hinein blicken lassen, sich einem Unbekannten öffnen. Aber es ist möglich. Ich habe mich sehr gefreut über diese Stunden, in denen ich dem Bildkünstler Jörg Nicht meinen Kiez zeigen durfte. Es war so ein verregneter Herbsttag; aber er erkannte sofort das passende Licht, die günstige Kombination aus leuchtenden Farben. Das tropfende gelbe Laub meiner Spazierbäume. Das Blau meiner warmen Stadtstreicherinnen-Jacke. Das Rot meines Schirmes. Ich fühlte mich gut aufgehoben an der Seite dieses Menschen, der mir nebenbei Fragen stellte, von dem ich mich irgendwie sofort verstanden fühlte, der mich ablichtete, wie ich bin, ohne Schminke eben. Seit Samstag steht sein fertiger Beitrag auf Instagram; siehe hier: https://instagram.
Fortsetzung folgt.
frühere Bücher nicht in Vergessenheit geraten lassen
02.11.2017, 11:26 Uhr
Immer noch bin ich jeden Freitag in meinem Tempel, den Gropius Passagen Berlin. Es ist für mich ganz erstaunlich, wie dieses größte Einkaufszentrum der Stadt bei laufendem Betrieb umgebaut wird. Mitten zwischen all den hastenden, schlendernden, shoppenden Leuten entsteht unter Staub, Dreck und Baugetöse eine Glitzer-Mall, fast wie ich sie aus Dubai kenne. Mit dem einziehenden Luxus scheint sich auch die Kundschaft zu verändern. Nie zuvor sah ich dort in Neukölln aufgespritzte Lippen, Pelze, Edelschmuck um teure Dekolletés. Aber auch die Jugendlichen - immer auf der Suche nach einem chilligen Treffpunkt - sammeln sich hier und müssen ein um das andere Mal von Aufsichtspersonen zur Ordnung gerufen werden. Stoisch, als sei nie eine Veränderung geschehen, schieben Frauen in Arbeitskluft die Reinigungswagen durch die Gänge. Dieser Anblick hat mich schon vor acht, neun Jahren inspiriert zu meinem Buch "Briefschreiberin. Gedankenbilder", in dem ich einer dieser Putzfrauen den Rang der Hauptheldin einräume. Sie fährt nicht ohne Stolz ihren Supergroundcontrol One, einen Reinigungswagen für große Flächen. Außerdem hat sie eine Geschichte zu erzählen, in achtzehn Briefen an "Chris", von dem man bis zuletzt nicht weiß, wer er eigentlich ist. Oder sie.
Neuerdings gibt es doch wieder einen Buchladen im Tempel. Eigentlich hieß es ja die ganze Zeit über, dort wollen sie bloß Mode und Accessoires anbieten, neben den üblichen Ketten und Cafés. Aber nein, die Literatur zog doch wieder ein. Vielleicht sollte ich dort, in diesem Geschäft, mal an meine "Briefschreiberin" erinnern?
Für euch hier der Bonus-Track aus meinem Werk, mein Gedicht
"Zwischen zwei Büchern":
Zwischen zwei Büchern
ist das Leben nicht leicht.
Allein mit den Viechern.
Eins jammert. Eins kreischt.
"Das war´s!" und "Nie wieder!",
so lautet die Falle.
Für immer und Punkt.
Die Inspiration, sie ist alle.
Ihr seid nur Dämonen,
ich kenne euch gut.
Und trotzdem:
Ihr raubt mir auf´s Neue den Mut.
Was hilft da?
Da hilft nur: Am Morgen aufstehn.
Mich häuten und lächeln -
Schlicht: weitergehn.
PS: Seit diesen Zeilen im Herbst 2008 habe ich elf weitere Bücher und fünfzehn dicke Tagebücher (per Hand!) geschrieben. Der Zuspruch, den man sich selber schenkt, scheint also zu wirken. Manchmal muss ich mir das selber bewußt machen. Um mich nicht noch mehr anzutreiben. Tja. :-)
Sturm
09.10.2017, 14:12 Uhr
Das Gute ist: Die Leute reden miteinander. Ganz spontan und freundlich. Herzlich, möchte ich meinen. Kaum gehe ich meine Runde, schon bleibe ich alle Nase lang stehen. Werde angesprochen. "Unser Treptow und Baumschulenweg hat es am schlimmsten getroffen!" "Zweihundert Bäume umgestürzt, im Plänterwald, im Treptower Park." "Da sieht es aus wie im Mikado-Spiel. Lauter schräg stehende Stämme. Und alles abgesperrt. Das dauert Wochen, bis das alles frei geräumt, zersägt, gesichert ist!" Alle scheinen Patrouille zu laufen. Nachsehen, was noch steht von unserer vertrauten Welt. Was diese Naturgewalt namens Xavier unversehrt gelassen hat.
Am Tag danach schlenderte ein Mann im blauen Overall durch meinen Kiez. "Na, Sie haben ja jetzt jede Menge Arbeit", riefen ihm die Passanten zu. Offenbar kannten sie ihn, vom Grünflächen- oder Forstamt. Er nickte, hatte keine Eile. Was nun vor ihm liegt, braucht seine Zeit, das wußte er, wissen wir alle. Ich sah an jenem Donnerstag Bilder, wie ich sie in Berlin noch nie zuvor gesehen hatte. Am spektakulärsten fand ich eines direkt hinter dem Mauerdenkmal in der Kiefholzstraße: Da ragt ein ganzer kleiner Kontinent steil in die Luft, auf dem sieben Silberpappeln angewurzelt sind - oder sollte ich sagen, angewurzelt waren? Als hätte jemand die Perspektive verschoben; die Ansicht um neunzig Grad gedreht, so sieht das aus. Die Erde neben einem Bächlein - einfach hoch geklappt; und mit ihr sieben dicke Stämme auf einen Schlag gefällt. Offenen Mundes stand ich da. "Welche Kraft doch die Natur hat!", rief mir eine junge Frau von ihrem Fahrrad aus zu; es klang beinahe begeistert ob dieser Leistung. Ja, die Natur. Sie scheint sich etwas zurückzuholen. Oder nicht? Oder doch?
Ich weiß es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgend jemand weiß. Ist dies nun der Preis, den wir zu zahlen haben? Sie wissen schon, kennen die Schlagworte, die ich wie Sie im Hinterkopf haben dazu. Für mich nützt das Philosophieren, das Agitieren wenig. Ich lebe schon lange eher piano, piano - und zahle meinen persönlichen Preis dafür, natürlich. Wie könnte es auch anders sein; sind wir nicht alle mehr oder weniger auf der Suche nach der goldenen Mitte zwischen den Extremen? Ich jedenfalls - ja. Und stolpere so voran.
Aber heute ist es doch schön. Die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen. Ich war draußen und trug meine Jacke offen im Goldenen Herbst. Nachbarn sprachen mich an; sie fragten, wie es mir denn ginge und wollten es wirklich wissen, es war nicht bloß so dahergesagt. Wie wir uns Zeit nahmen füreinander. Wie wir uns rasch auf Eins einigten: "Das Wichtigste ist das Leben! Genießen Sie diesen Tag. Noch sind wir da." Es ist nicht selbstverständlich. Noch hier zu sein. Das wissen wir. Denken an die, die trauern. Es tut uns leid.
Das Gute ist: Wir reden miteinander. Sind uns vielleicht ein bisschen weniger fremd. Ein Naturereignis hat das bewirkt. Und da soll ich nicht staunen!




















